Dienstag, 31. März 2020

Hamza Touba hat noch eine Chance

Ein Heidelberger Olympia-Boxer schmiedet neue Pläne

Hamza Touba ist ein Mensch mit klaren Vorstellungen vom Leben und der Fähigkeit, sportliche Rückschläge gut zu verkraften. Der 28-jährige Fliegengewichtsboxer, geboren in Neuss am Rhein, seit 2007 am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar und mit seiner Ehefrau Pinar kurz vor dem Umzug von Edingen in die Heidelberger Bahnstadt, fand es am 23. März 2020 in der RNZ-Sportlerumfrage nötig, dass die Olympischen Spiele wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben werden. Und er findet es gut, dass das Internationale Olympische Komitee auf Geheiß der japanischen Regierung die Verschiebung auf 2021 tags darauf endlich verkündet hat. „Es war die richtige Entscheidung“, findet Touba, dessen Zielsetzung sich wegen dieses einen Jahres nicht verändert hat: „Ich möchte teilnehmen und eine Medaille gewinnen.“

Hamza Touba, in der Klasse bis 52 Kilogramm Körpergewicht seit 2010 deutscher Serienmeister und Olympia-Teilnehmer 2016 in Rio de Janeiro, wo er in der ersten Runde an dem Franzosen Elie Konki mit 0:3 Richterstimmen hängen geblieben war, ist einer der besten deutschen Olympiaboxer: Sehr schnell auf den Beinen, mutig, variabel in seiner Taktik und mit gutem Auge für die Aktionen des Gegners und das Erkennen der eigenen Schlagchancen – das hat er auch bei der europäischen Olympia-Qualifikation in London zu erkennen gegeben.

Weil der Box-Weltverband gegenwärtig wegen krimineller Machenschaften auf Führungsebene von olympischen Wettkämpfen suspendiert ist, wurde das Turnier an der Copper Box vom IOC selbst organisiert, von einer Task Force, die mit ihrer Sturheit die Sportwelt entsetzt hat. Denn obwohl das Coronavirus in ganz Europa für Angst, Schrecken und Tod sorgte, ließ die Task Force das Turnier beginnen. Hamza Touba war in Hochform und schlug den Italiener Manuel Cappei mit 4:1 Richterstimmen, ehe er in der zweiten Runde vom an Punkt eins gesetzten Franzosen Billat Bennamo ebenfalls mit 4:1 geschlagen wurde. Unmittelbar nach diesem Kampf hatte die Task Force ein Einsehen und brach das Turnier ab. Resultat am Rande: Zwei türkische Boxer und deren Trainer sowie ein Boxer und zwei Trainer aus Kroatien haben sich in London angesteckt, weil IOC-Funktionäre der irrigen Meinung waren, mächtiger als das fiese Virus zu sein.
Hamza Touba ist froh, die Niederlage gegen Bennamo, „der in einem guten Kampf taktisch ein bisschen besser eingestellt war und verdient gewonnen hat“, und die gefährliche Reise gut überstanden zu haben. Er ist weder verletzt noch erkrankt und hat nun die Chance, sich bei einem Welt-Qualifikationsturnier irgendwann in Paris doch noch für Olympia 2020 im Sommer 2021 zu qualifizieren. Man müsse in der französischen Hauptstadt unter die ersten Acht kommen, um sich in Tokio den Medaillentraum erfüllen zu können.

Ob im Seuchenjahr 2020 noch einmal ernsthaft geboxt wird, ob die deutschen Meisterschaften im Dezember in Straubing stattfinden können, weiß Hamza Touba nicht, das weiß niemand. Deshalb wird der ebenso eloquente wie humorvolle Mann mit den Bundestrainern erst einmal genau überlegen, wie man die Olympia-Vorbereitungen sinnvoll aufbauen und gestalten kann. Bis dahin besteht das Training aus Jogging und Gymnastik, denn der Olympiastützpunkt ist hermetisch verriegelt; auch die Spitzensportler halten sich strikt an das Kontaktverbot und wollen andere Menschen und sich nicht gefährden.

Ohnehin steht für den Stabsunteroffizier der Bundeswehr-Sportfördergruppe bald ein neues Lebensthema an. Hamza Touba möchte dem Beispiel seiner Ehefrau Pinar folgen. Die ehemalige Boxerin hat die Fäustlinge an den Nagel gehängt und ist Lehrerin an der Landhausschule, wo sie nach der Coronavirus-Krise die Handschuhe aber wieder überstreifen wird, um die Box-AG für ihre Schülerinnen und Schüler zu leiten. Hamza Touba wird im Wintersemester 2020/21 an der Pädagogischen Hochschule ein Studium beginnen. „Ich arbeite gerne mit Kindern“, betont er, „es macht mir Spaß, sie zu motivieren.“ Dass er Sport studieren wird, ist klar, das zweite Fach könnte Ethik oder Politik sein.
Mit diszipliniertem Verhalten und gesunder Ernährung möchte Hamza Touba fit bleiben, und falls ihm das fiese Virus begegnen sollte, „gibt’s eine Links-rechts-links-Kombination. Das ist im Kampf immer ein gutes Mittel!“

Claus-Peter Bach am 30. März 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Fünfzehn Menschen beherrschen die Welt des Sports

Über die Macht und die Finanzen des IOC

Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das die Olympischen Sommerspiele am 24. März 2020 wegen der Coronavirus-Pandemie vom Juli und August 2020 nach reiflicher Überlegung und massiven Protesten von Athleten und Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) aus aller Welt auf 2021 verschoben hat, ist eine ebenso mächtige wie geheimnisvolle Organisation. Das IOC ist wie der FC Basel oder Servette Genf ein Verein nach Schweizer Recht, der am 23. Juni 1894 an der Pariser Sorbonne gegründet wurde und seinen Sitz in Lausanne hat.

Erster Generalsekretär war der französische Pädagoge Pierre Baron de Coubertin, erster Präsident der Grieche Dimitrios Vikelas. Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit fanden 1896 in Athen statt, die Spiele 2021 in Tokio werden die 32. Sommerspiele sein. Eine Olympiade bezeichnet den Zeitraum von vier Jahren zwischen Olympischen Spielen. Seit 1924 werden auch Olympische Winterspiele ausgetragen.

Wem gehören eigentlich die Olympischen Spiele? Mit dieser Frage sowie anderen Großveranstaltungen in Kultur und Sport beschäftigt sich Professor Dr. Michael Dinkel (50/Foto: privat) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Dinkel hat sich mit der Struktur und den Finanzen eines Vereins befasst, in den man – anders als bei der TSG Rohrbach oder dem AC Ziegelhausen – nicht einfach eintreten kann. Das IOC hatte 13 Gründungsmitglieder, die allesamt Freunde Coubertins waren und von diesem berufen wurden. Es waren wohlhabende Sportfreunde aus elf Ländern, die so edel waren, dass sie ihre Reise- und Aufenthaltskosten bei Kongressen und Olympischen Spielen selbst trugen.

Auch gegenwärtig kann man nicht einfach zum IOC spazieren, in diesen 2019 eingeweihten 24 000-Quadratmeter-Neubau eines dänischen Architekten-Konsortiums, und die Mitgliedschaft beantragen als wäre das IOC ein Verein wie die TSG Eintracht Plankstadt. Bis heute werden neue Mitglieder von der Vollversammlung der bisherigen Mitglieder berufen. Die Zahl der IOC-Mitglieder ist auf 115 begrenzt. Auch heutzutage hat das IOC etliche Mitglieder aus dem Hochadel, manche haben gleichwohl in ihrer Jugend Sport getrieben und an Olympischen Spielen teilgenommen: Prinzessin Anne, die Herzogin von Edinburgh, 1976 im Reiten oder Fürst Albert II von Monaco, der die Konkurrenten in der Bobbahn bei fünf Olympischen Spielen zwischen 1988 und 2002 in Angst und Schrecken versetzt hatte. Fürstin Nora von Liechtenstein, Prinz Frederik von Dänemark oder Großherzog Henri von Luxemburg verleihen dem Klub der fünf Ringe ebenfalls fürstlichen Glanz.

Ehemalige Sportler bürgerlichen Geblüts sind der ukrainische Sprinter Waleri Borsow, dessen Stabhochsprung-Kollege Sergej Bubka, der französische Hürdensprinter Guy Drut, der namibische Sprinter Franky Fredericks, der kenianische Langstreckler Paul Tergat oder die kanadische Eishockeyspielerin Hayley Wickenheiser, die als einzige Kritikerin des deutschen Präsidenten Dr. Thomas Bach, einem Team-Olympiasieger von 1976 im Fechten, gilt.

Der IOC-Präsident, vier Vizepräsidenten und zehn Mitglieder werden von der Vollversammlung durch geheime Wahl in das Exekutivkomitee befördert, beim SV Waldhof heißt das Vorstand. Thomas Bach wurde 2013 für acht Jahre in das Präsidentenamt gewählt, und es besteht die Möglichkeit, dass der 66-jährige Jurist 2021 für weitere vier Jahre in seine letzte Amtszeit gehen könnte.

Das Exco koordiniert die 204 nationalen olympischen Komitees, also auch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und wählt die 35 internationalen Sportverbände aus, die sich zur olympischen Familie zählen dürfen.

Da die 15 Exco-Mitglieder keine Ehren-, sondern Wahlämtler sind, werden sie für ihre Mühen entlohnt. Der IOC-Präsident erhält eine Jahrespauschale in Höhe von 225 000 Euro, während die anderen Exco-Mitglieder aufgrund geringerer Verantwortung mit 6500 Euro pro Jahr zufrieden sein müssen; gewöhnliche IOC-Mitglieder werden mit 3250 Euro abgespeist. Außerdem erhalten alle IOC-Mitglieder für Sitzungen, Inspektionsreisen und den Besuch von Olympia eine Tagespauschale, wobei der An- und Abreisetag auch abgerechnet werden darf. Der Tagessatz für Exco-Mitglieder liegt bei 836 Euro, einfache IOC-Mitglieder kriegen 418 Euro – das reicht auch bei Sitzungen in der Schweiz für zwei, drei Tassen Kaffee und ein Geschnetzeltes.

Nun muss man nicht befürchten, dass das IOC, das sich als Besitzer der Olympischen Spiele fühlt und das Symbol der Ringe geschickt vermarktet, die Wettkämpfe selbst aber von den Fachverbänden und den ausrichtenden Staaten und Städten organisieren lässt, an den Reisespesen seiner Mitglieder und rund 500 Mitarbeiter zugrunde gehen könnte.
Wie Michael Dinkel aufgezeigt hat, hatte das IOC zwischen 2013 und 2016, also für die Winterspiele in Sotschi und die Sommerspiele in Rio de Janeiro, Einnahmen aus Fernsehrechten in Höhe von 4,157 Milliarden US-Dollar und aus dem Sponsorenpool Einnahmen in Höhe von 1,003 Milliarden USD. Daneben nehmen sich die Einnahmen der beiden Organisationskomitees für nationale Lizenzen (74 Millionen USD), den Verkauf von Eintrittskarten (527 Millionen USD) und eigenes Sponsoring (2,037 Milliarden USD) beinahe bescheiden aus.
Das IOC kassierte 66 Prozent der Einnahmen durch diese beiden Olympischen Spiele, behielt aber nur zehn Prozent für eigene Zwecke. „Wir stecken 90 Prozent unserer Einnahmen in die weltweite Entwicklung des Sports“, behauptet Thomas Bach. Michael Dinkel hat herausgefunden, dass das IOC aus seinen Einnahmen von Rio 1,531 Milliarden USD an das lokale Organisationskomitee und jeweils 540 Millionen USD an die 204 NOKs und die 35 Fachverbände ausgeschüttet hat.

Seit Sebastian Lord Coe dem Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) vorsteht, wurde der IOC-Zuschuss in Höhe von 44 Millionen USD hälftig aufgeteilt. 22 Millionen USD blieben bei WA, 22 Millionen wurden an die nationalen Verbände ausgeschüttet. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) erhält jährlich 25 000 Euro. Auch der DOSB profitiert vom IOC. Für Rio gab es einen Zuschuss in Höhe von 815 000 Euro für die Entsendung der Olympiamannschaft.

Lord Coe, der 2012 Olympia in London als OK-Chef verantwortet hatte, legte seine Bilanzzahlen bereitwillig vor. Sein OK hatte Einnahmen durch nationale Sponsoren (1,32 Milliarden Euro), Zuschauereinnahmen (413 Mio. Euro), Lizenzgebühren (82 Mio. Euro) und den IOC-Zuschuss in Höhe von 1,374 Milliarden Euro. Dem standen Organisationskosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro gegenüber plus 15,1 Milliarden Euro an Infrastrukturkosten, die die britischen Steuerzahler draufgelegt haben. Darunter sind natürlich auch die Sanierungskosten für die Hafen-City, die zunächst als Olympisches Dorf diente und nun in superschicken Eigentumswohnungen die Schönen und Reichen des Vereinigten Königreiches beherbergen.

Claus-Peter Bach am 30. März 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Mittwoch, 25. März 2020

Nur die Graugänse sind renitent

Über das Verhalten von Sportlern in der Coronavirus-Krise

Der Sonntag ist wunderschön und macht seinem Namen alle Ehre, denn nach einem kühlen Regentag feuert die Sonne ihre Strahlen aus wolkenfreien Himmel zur Erde. Gut, es ist ein bisschen kühl, damit wir Deutschen wenigstens ein bisschen was zu meckern haben. Zeit also, alleine die Wohnung zu verlassen, ins Auto zu steigen und zu schauen, wo überall Sport getrieben wird – trotz der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus, das ja auch vor Athleten keinen großen Respekt hat.

Bei der kurzen Rundfahrt bei halb geöffnetem Fenster – ist das klug? kann das Virus ins Auto hereinflattern wie eine kleine chinesische Fledermaus? – sieht man sogar alte Bekannte. Auf dem Seitenweg an der Speyerer Straße radeln Liesel und Kurt in schicken gefütterten Lederjacken, Liesel mit drei Metern Sicherheitsabstand hinter Kurt – die Frau hinter dem Mann wie in Indien, nicht der Mann hinter der Frau wie in England. „Seid Ihr gesund?“, brülle ich durchs Fenster, doch Kurt winkt lachend ab: „Mir halte uns fit, an uns geht des Ding net dran!“ Es blüht die Zuversicht, und das ist gut so. Kurt ist 74, Liesel auch schon 69, aber sie haben ihr Leben lang Sport getrieben...

Plötzlich haben Liesel und Kurt Gegenverkehr und wenden ihre Gesichter dem Felde zu, wo ein Bauer auf einer großen Tafel die Frage stellt, ob die Menschen sich künftig von Beton oder von frischem Gemüse ernähren wollen. Das Schild ist schön gemalt, der Landwirt hat sich Mühe gegeben, die Sache ist ihm wichtig. Auf dem Radweg nähert sich ein Mann, der in einem Fahrrad liegt und am Gepäckträger einen Stock mit einer Deutschland-Flagge befestigt hat. Wir nehmen an, dass er sein Heimatland auch in Zeiten der Pandemie liebt und die Vorsichtsmaßnahmen der 17 deutschen Regierungen symbolisch gutheißt. Kurt und Liesel winkt er zu, man radelt aneinander vorbei, ohne zu husten.
Am Kirchheimer Weg zeigt ein geduldiger Vater seinem Töchterlein, wie man Fahrrad fährt. Das kann man auf autoarmen Straßen jetzt richtig üben, zumal das Kind begeistert und voll konzentriert ist und ausnahmsweise mal keine Fragen stellt. Papa fährt voraus, das Mädchen hinterher – es werden offenbar indische Bräuche gelebt.

Im Harbigweg nutzt kein Mensch die vielen Sportplätze und die Alla-Hopp-Anlage, weil überall weiße Zettel mit einer städtischen Anordnung im Kerchemer Wind flattern. Darauf teilt der Hallen- und Sportplatzkoordinator Rama Aithal den Bürgern mit, dass die Anlagen wegen der Ansteckungsgefahr gesperrt seien. Die Osterglocken blühen trotzdem weiter.

Nun wird die Situation komplizierter. Mitten auf der Straße joggt eine junge Frau in blau-grünem Outfit, die ganz, ganz tief in die Klänge aus ihrem Headset (das sind kleine Lautsprecher in jedem Ohr) vertieft ist. Ob sie Beethoven hört oder eher Mozart? Nein, dem Tempo ihrer Schritte nach müssten es Schubert-Balladen sein, die sie vollauf gefangen nehmen. Denn sie sieht nicht, dass der Gehweg völlig frei von Menschen und Viren ist, und sie hört nicht, dass sich ein Fahrzeug nähert. Das macht nichts. Wir haben es nicht eilig, es ist Sonntag, und die Sonne scheint. Heidelberger sind kompliziertere Verkehrssituationen gewohnt.

Am kleinen Messplatz, wo das fahrende Volk und etliche Lastwagen eine vorübergehende Bleibe gefunden haben und ausnahmsweise mal kein Flohmarkt ist, kicken Antonio und Michele, acht und zehn, mit einem Fußball, der schon bessere Zeiten hatte. Die Buben tragen nagelneue Kickschuhe und machen sich einen Spaß daraus, den Ball unter den Lastern durch zu schlenzen. Dabei bleiben sie auf Distanz, wie es die abendliche Regierungsverordnung fordert.

Auf dem Weg nach Neuenheim wundert man sich, dass am Hauptbahnhof offenbar viel Sport getrieben wird, jedenfalls stehen dort ein paar tausend Fahrräder und glänzen, soweit nicht völlig verrostet, in der Frühlingssonne. Auf der Neckarwiese aber herrscht das schiere Chaos: Wo sonst die Sonntagskicker ihre durchaus ernsthaften Spiele austragen, wo schicke Mädchen und trendige Jungs zu normalen Zeiten im Sand hüpfen und Beachvolleyball so lustvoll zelebrieren als spielten sie am Strand von Ipanema, wo kleine Kinder sonst auf der Wippe schaukeln oder im Kasten mit Sand und Wasser (heidelbergerisch: Babbel) panschen, zählen wir zwischen Ernst-Walz- und Theodor-Heuss-Brücke zwei Einheimische, vier Asiaten, die vor der barbarisch abgeholzten Neckarinsel etliche Selfies schießen, und rund 250 Graugänse.

Die beiden Heidelberger – es sind Berthold Quast vom städtischen Verkehrsmanagement und Martin Geißler vom Landschafts- und Forstamt, die Streife laufen und die Sperrung der Wiesen überwachen – schreiten den fröhlichen Touristen entgegen, halten den Sicherheitsabstand von drei Metern ein und setzen die Räumung des Rasens mit Handzeichen durch. Die Gäste aus Fernost waren nicht informiert, weil sie keine RNZ gelesen hatten oder weil die RNZ noch nicht in chinesischer Schrift erscheint. Nur die Gänse stellen sich stur. Mit aller Renitenz widersetzen sie sich den Aufforderungen der städtischen Mitarbeiter, und auch die beiden Polizisten, die die Szenerie aufmerksam beobachten, sind letztlich machtlos. Martin Geißler und Berthold Quast lassen aber wissen, dass sie den ganzen Tag über keinen anderen Problemfällen begegnet seien. Die Leute seien vernünftig und gingen nur spazieren. Was sollten sie sonst auch tun an diesem herrlichen Sonntag?

Auf dem Trottoir der Theodor-Heuss-Brücke wird es ein bisschen eng, denn zwei junge Mütter starten, natürlich Seite an Seite, ein Kinderwagenrennen im Stile der alten Römer, nehmen unter dem quiekenden Beifall ihrer Babys gehörig Fahrt auf und zwingen Fußgänger, auf die Radspur und die Straße auszuweichen. Das aber ist nicht schlimm, denn es ist kaum jemand unterwegs.
Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer und Wagenlenkerinnen kommen prima miteinander aus – und das in unserem Heidelberg!

Claus-Peter Bach am 24. März 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Bildtext:

Aushang an den Sportanlagen in Heidelberg. Foto: CPB

Hanteltraining in Ohio statt Boat Race auf der Themse

Über den Heidelberger Ruderer Ben Landis

Ben Landis ist ein Ruderer, der im Jugendtraining der Rudergesellschaft Heidelberg erstmals in einem Boot saß, von der begnadeten Gerda Ott († 2017) beim Heidelberger Ruderklub zu einem hoch motivierten und ehrgeizigen Athleten ausgebildet wurde und als B- und A-Junior zwei Bronzemedaillen bei den deutschen Meisterschaften gewonnen hat.

Das war 2010 und 2012 auf dem windumtosten Essener Baldeneysee – einmal im Vierer ohne Steuermann des Landesruderverbandes Baden-Württemberg mit seinem Vereinskameraden David Diel, dem Stuttgarter Alexander Archner und Mark Faupel aus Überlingen, das andere Mal mit dem „Südteam-Achter“, einer Renngemeinschaft mehrerer süddeutscher Landesverbände.


Ben Landis, der am 20. März seinen 26. Geburtstag feierte, praktiziert gegenwärtig bei der internationalen Großbank HSBC in New York City, doch schon bevor Bürgermeister Bill de Blasio eine Ausgangssperre für die ganze Stadt verhängte, floh Ben Landis „aus meinem wirklich kleinen Zimmer“ nach Cincinnati im Bundesstaat Ohio, wo die Eltern seiner Freundin Grace abseits vieler Menschen ein Haus besitzen, wo sogar ein regelmäßiges Training auf einem Fahrradergometer und mit Hanteln möglich ist. „Dort arbeite ich im Homeoffice für die Bank und halte mich fit. Wir wahren die Distanz zu Nachbarn und gehen zur Zeit auch nicht in den Ruderklub“, erläutert der Athlet, der seit dem Frühling 2019 sicherlich in jedem Ruderverein der Welt willkommen wäre.

Nach dem Abitur 2013 am Englischen Institut Heidelberg ist Ben Landis dem Rat seines US-amerikanischen Vaters gefolgt und hat 2014 an der Columbia University in New York ein Studium begonnen und 2018 mit dem Bachelor of Arts in Geschichte und Politikwissenschaften beendet. Vater John ist ein bei SAP beschäftigter Philosoph, der es ganz gut fand, dass Bens Universität „einen etwas breiteren Studienansatz bietet“, man sich also nicht schon vor dem ersten Semester entscheiden muss, was man einmal werden will. Ben Landis wollte vor allem weiter rudern und schipperte fortan in einem Paradies: „An der Columbia ist der Unisport riesengroß. Sie haben dort große Ruderteams und alleine bei den Leichtgewichten vier Achter.“ Bald saß er im ersten Achter, der bei den nationalen Uni-Meisterschaften während seiner vier Jahre einmal Silber und zweimal Gold gewonnen hat. Erfolg fällt nicht vom Himmel. An der Columbia University gibt es Vollzeit-Rudertrainer und zwei Trainings pro Tag.

Mit sehr guten Noten („Ich habe mich im letzten Jahr wirklich hingesetzt und geackert“) und einigen Empfehlungsschreiben wechselte Ben Landis 2018 zum Master-Studium „Internationale Entwicklung“ nach Oxford, wo er sich mit dem höchst aktuellen Thema der menschlichen Migration beschäftigte und seine akademische Ausbildung abschloss.

Wassersportler wissen natürlich, dass es auch an der altehrwürdigen mittelenglischen Uni nicht nur ungewöhnlich viele Morde gibt, die von Inspektor Robert Lewis und Sergeant James Hathaway ruckzuck aufgeklärt werden, sondern auch ein paar ganz brauchbare Ruderboote. Einen Monat vor der ersten Vorlesung nahm Ben Landis an den knallharten Leistungstests des 1829 gegründeten Oxford University Boat Club teil, um sich – unter anderem mit Ergometertests über fünf Kilometer und zwei Kilometer, einem Ein-Stunden-Strampeln und einer Vier-Minuten-Ausbelastung, nach der man leichenartig vom Rad fällt – für den ersten Achter der Universität zu qualifizieren. Das hat Ben Landis geschafft, womit er zumindest landesweite Bekanntheit im Vereinigten Königreich erreichte.

„Weil wir einen Dickkopf im Boot hatten“, die nötige technische Harmonie also nicht erreicht wurde, waren die Trainer gezwungen, den Achter für das Boat Race gegen Cambridge am 7. April 2019 kurzfristig umzubesetzen. Der 1,90 Meter große und 86,1 Kilogramm schwere Ben aus Heidelberg behielt Sitz zwei.

Millionen Fans säumten die Themse, erlebten die frühe Führung der „Blues“ aus Oxford, den Beinahe-Zusammenstoß der beiden Boote in einer engen Flusswindung, die folgenlose Verwarnung der „Light Blues“ aus Cambridge und den knappen Sieg der Männer aus Heidelbergs Partnerstadt mit einer Länge oder zwei Sekunden Vorsprung. „Es war sehr bitter, aber wir hatten alles gegeben“, beteuert Ben Landis, der auch an diesem Samstag gerne noch einmal ein Boat Race bestritten hätte, dann als „Old Blue“ und wieder mit unbedingtem Siegeswillen.

Nun trainiert er für sich allein in Cincinnati, das Boat Race trägt einen Virus und fällt aus.

Claus-Peter Bach am 23. März 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Bildtext

Über den Dächern von Oxford: Ben Landis, Ruderer aus Heidelberg. Foto: privat

Donnerstag, 19. März 2020

Dieses IOC braucht niemand

Über die Haltung des Ringe-Ordens in Zeiten von Corona
  
Dass das IOC, jene 115 Blaublüter und ehemaligen Spitzensportler von Fürst Albert II bis zu Chinas Eisschnelllauf-Königin Zhang Hong, die sich für die Weltregierung des Sports halten, noch immer zögern, die Sommerspiele im Juli und August in Tokio zu verschieben, ist klar. Diese Leute müssen darauf achten, dass ihre Gelddruckmaschine mit den fünf Ringen im Herstellerlogo fünf Wochen lang für Olympia und die Paralympics auf Hochtouren läuft, damit all die Privilegien, die diese Damen und Herren sich gönnen, und die Zuschüsse, die das IOC den internationalen Fachverbänden überweisen, bezahlt werden können. Die Absage von Olympia 2020 wäre für das IOC der Super-GAU. Eine Verschiebung auf 2021 – wenngleich mit Mehrarbeit und Umplanungen verbunden – die Notlösung.

Ganz unabhängig davon, dass jedes Kind in Deutschland, ja jeder Goldhamster, mehr soziales Gewissen hat als der sture IOC-Präsident Thomas Bach, verletzt der suspekte Ringe-Orden selbst seine Charta, die vorschreibt, dass wenigstens bei Olympischen Spielen jeder Teilnehmende gleiche und gerechte Bedingungen vorfinden muss, um einen fairen Wettkampf zu ermöglichen.

Schon in früheren Jahren hat das IOC sich selbst ad absurdum geführt; jahrelang wurden Sporttreibende zugelassen, die schamlos gedopt und ehrliche Athleten betrogen haben. Es ist deshalb höchste Zeit, dass Regierungen, Sponsoren und die internationalen Fachverbände die Zusammenarbeit mit dem IOC aufkündigen und dessen Präsidenten heim nach Badisch-Sibirien schicken.

Die Fachverbände sollten die Organisation erdteilübergreifender Multisport-Ereignisse selbst in die Hände nehmen und zum Wohle ihrer Athleten klug terminierte Qualifikationen mit behutsam gesetzten Kriterien ansetzen. Es muss das Ziel eines humanen Sports der Zukunft sein, dass in allen Disziplinen die nationalen Meister qualifiziert sind.

Dass die Fachverbände zu organisatorischen Glanzleistungen fähig sind, haben sie mit den European Championships 2018 ja eindrucksvoll bewiesen.

Claus-Peter Bach am 19. März 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung