Sonntag, 30. Januar 2022

Die Franzosen haben das meiste Talent

Am 4. Februar 2022 beginnt das Sechs-Nationen-Turnier im Rugby


Am 4. Februar beginnen nicht nur die Olympischen Winterspiele im fernen China, sondern auch das Sechs-Nationen-Turnier der besten europäischen Rugbyteams.

 

Der bedeutendste Rugby-Wettbewerb der nördlichen Hemisphäre, der von der Firma Six Nations Ltd. für eine geschlossene Gesellschaft ohne Auf- und Abstieg organisiert und perfekt vermarktet wird, wird seit 1883 mit wechselnder Teilnehmerzahl ausgetragen: Bis 1909 mit den vier Home Unions des Rugbyspiels: England, Schottland, Wales und Irland. Ab 1910 durften die Franzosen mitwirken, die 1932 ausgeschlossen wurden, weil sie Profis eingesetzt und sich auf dem Spielfeld rüpelhaft benommen hatten. 1947 wurde die Equipe tricolore begnadigt, und 2000 wurde Italien aufgenommen, was dem vielfachen Europameister Georgien bisher verwehrt wurde. Die „Lelos“ sind offenbar zu arm und könnten keine großen Sponsoren mitbringen.

 

Das Turnier wird im Modus jeder gegen jeden ausgetragen, es gibt an fünf Spieltagen bis zum Super-Samstag am 19. März also 15 Begegnungen. Für eine Niederlage gibt es null Punkte, für ein Unentschieden zwei und für einen Sieg vier Zähler. Erzielt eine Mannschaft vier oder mehr Versuche, erhält sie einen offensiven Bonuspunkt. Verliert eine Mannschaft mit sieben oder weniger Punkten Differenz, bekommt sie einen defensiven Bonuspunkt.

 

Die Sieger der letzten fünf Turniere sind England (2017), Irland (2018), Wales (2019), England (2020) und Wales (2021). Die einzige Konstante ist Italien, das in diesen fünf Jahren stets Letzter war und kein einziges Match gewonnen hat. Rekordsieger ist Titelverteidiger Wales mit 40 Siegen vor England (39), Frankreich (25), Irland (23) und Schottland (22).

 

Wer in diesem Winter triumphieren wird, kann man angesichts der Ausgeglichenheit der Teams und der guten Leistungen bei den Weltranglistenspielen im Herbst 2021 beim besten Willen nicht vorhersagen. Vielleicht haben die Franzosen von Trainer Fabien Galthié das meiste Talent. Sie haben die Neuseeländer mit 40:25 ausgespielt und arbeiten auf die Weltmeisterschaft 2023 im eigenen Land hin. Aber auch den Iren und Engländern mit ihren monumentalen Stürmern und den Schotten und Walisern mit ihren listigen Spielmachern und schnellen Sprintern ist alles zuzutrauen.

 

Auch in diesem Jahr wird um mehrere Trophäen gespielt. Der Turniersieger erhält die Championship Trophy aus Sterlingsilber, die 55 000 Pfund gekostet hat. Eine britische oder irische Mannschaft, die die drei anderen Home Unions besiegt hat, bekommt die Triple Crown. Der Sieger des Spiels Schottland gegen England wird mit dem Calcutta Cup belohnt, der Sieger des Spiels England gegen Irland erhält die Millennium Trophy, und der Sieger des Spiels Frankreich gegen Italien bekommt die Giuseppe-Garibaldi-Trophäe. Wer alle fünf Spiele eines Turniers gewinnt, ist Grand-Slam-Sieger – das ist wie im Tennis die höchste Ehre.

 

Rekordspieler des Turniers ist der Italiener Sergio Parisse mit 69 Einsätzen. Die meisten Punkte hat der Ire Ronan O’Gara (557) gesammelt, dessen Landsmann Brian O’Driscoll die meisten Versuche (26) gelegt hat.

 

Sechs-Nationen-Turnier 2022

 

1.       Spieltag, Samstag, 5. Februar, 15.15 Uhr: Irland - Wales in Dublin; 17.45 Uhr: Schottland - England in Edinburgh; Sonntag, 6. Februar, 16 Uhr: Frankreich - Italien in St. Denis.

 

2.       Spieltag, Samstag, 12. Februar, 15.15 Uhr: Wales - Schottland in Cardiff; 17.45 Uhr: Frankreich - Irland in St. Denis; Sonntag, 13. Februar, 16 Uhr: Italien - England in Rom.

 

3.       Spieltag, Samstag, 26. Februar, 15.15 Uhr: Schottland - Frankreich in Edinburgh; 17.45 Uhr: England - Wales in Twickenham; Sonntag, 27. Februar, 16 Uhr: Irland - Italien in Dublin.

 

4.       Spieltag, Freitag, 11. März, 21 Uhr: Wales - Frankreich in Cardiff; Samstag, 12. März, 15.15 Uhr: Italien - Schottland in Rom; 17.45 Uhr: England - Irland in Twickenham.

 

5.       Spieltag, Samstag, 19. März, 15.15 Uhr: Wales - Italien in Cardiff; 17.45 Uhr: Irland - Schottland in Dublin; 21 Uhr: Frankreich - England in St. Denis.

 

Die Stadien

 

England: Home of Rugby in Twickenham (82 000 Zuschauer); Frankreich: Stade de France in St. Denis (80 000); Irland: Aviva Stadium in Dublin (51 700); Italien: Olympiastadion in Rom (72 700); Schottland: Murrayfield in Edinburgh (67 800); Wales: Principality Stadium in Cardiff (74 500). CPB



Freitag, 17. Dezember 2021

Ein starker Förderer der Jugend

Zum Tode von Rugby-Ehrenpräsident Theodor Frucht

Theodor Frucht, der am 3. April 1935 in Hannover geboren wurde, hat sich im Alter von elf Jahren dem SV Odin von 1905 angeschlossen und ist nach einem Jahr als Fußballer zur Knaben-Rugbymannschaft gewechselt, in der der kräftige Junge zu einem guten Zweite-Reihe-Stürmer ausgebildet wurde. Dem Rugbysport blieb Theo, wie ihn seine Freunde riefen, ein Leben lang verbunden. „Rugby hat mir mehr entsprochen, hat mich mehr ausgefüllt“, sagte Theo Frucht später.

Mit 18 Jahren spielte er in der ersten Mannschaft des SV Odin, die das deutsche Pokalendspiel gegen den TSV Victoria Linden, die damals überragende deutsche Vereinsmannschaft, mit 3:0 gewann und den erstmals ausgespielten „Ölschinken“, ein großformatiges Gemälde des Brandenburger Tores, eroberte. Theo Frucht war also einer der fünfzehn ersten deutschen Pokalsieger, Auswechslungen waren damals noch nicht erlaubt. Obwohl er schon 1964 zu Odins Jugendwart gewählt wurde und Teams in allen fünf Altersklassen aufbaute, spielte er bis 1971 in der ersten Mannschaft – unterbrochen nur von einer beruflichen Fortbildung. Der Großhandelskaufmann ließ sich nach dem Besuch des Abendgymnasiums zum Maschinenbauingenieur ausbilden und arbeitete von 1995 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1997 als Forschungs- und Entwicklungsingenieur bei den Continentalen Reifenwerken in Hannover, die viele Jahre lang den Conti-Cup, die Trophäe für den deutschen U19-Landesverbandsmeister, gesponsert haben. Des Berufes wegen hat Theo Frucht die beiden deutschen Meisterschaften des SV Odin 1961 und 1963, die Endspiele gegen den SC Neuenheim und den TSV Handschuhsheim, versäumt.

Aus privaten Gründen wechselte Theo Frucht 1971 zum TSV Victoria Linden und engagierte sich vorbildhaft in den Verbandsgremien. Im Niedersächsischen Rugby-Verband (NRV) wirkte er als Kassenwart, Sportwart, Jugendwart und Verbandstrainer, in der Deutschen Rugby-Jugend (drj) als Trainer, Technischer Leiter, stellvertretender Jugendwart und in den 1980-er Jahren als Jugendwart, der besondere Leistungen erbrachte: Gemeinsam mit dem Berliner Fritz Feyerherm, Horst Lück aus Wiedenbrück und den Heidelbergern Karl Lachat, Dierk Baumgarten und Peter Schatz baute er die deutschen Nachwuchsmeisterschaften in fünf Altersklassen von der U11 bis zur U19 auf und etablierte deutsche Landesverbandsmeisterschaften für U17- und U19-Teams und mit großer Beteiligung.

An Ostern 1987 fand unter der Leitung von Theo Frucht und mit der Vor-Ort-Arbeit von Fritz Feyerherm, Peter Welsh und Henric Lewkowitz die U19-Weltmeisterschaft mit 16 Teams in West-Berlin statt, die Argentinien gewann und bei der die deutsche Fünfzehn den sagenhaften vierten Platz – das beste Resultat der Rugby-Geschichte – belegte.

Nachdem sich Theodor Frucht als Jugendwart große Meriten verdient und insbesondere die deutsch-französische Freundschaft in Zusammenarbeit mit den französischen Spitzentrainern Jean-Claude Baqué, Serge Dijon und Jean-Claude Rutault ausgebaut hatte – die U19-Teams von Frankreich und Deutschland trainierten damals zwei Mal pro Jahr für eine ganze Woche zusammen in Issoire, Biscarosse, Périgueux, Hannover und Heidelberg – wurde er beim Deutschen Rugby-Tag 1991 in Hannover zum 17. Präsidenten des Deutschen Rugby-Verbandes gewählt.

Er baute eine ABM-Stelle des Jugendsekretärs Karl-Heinrich Barkhof zu einer festen Stelle für Barkhof und später für Carsten Segert, Martin Bahm und Natascha Evers aus, er schuf eine feste Trainerstelle am Landesstützpunkt Potsdam für Frank Langer und er landete 1992 einen besonderen Coup, als er Peter Ianusevici, Rumäniens Trainer bei der WM 1991 in Großbritannien, zum deutschen Bundestrainer machte. Erst betreute Peter Ianusevici die U19, dann auch die Männer und schließlich alle deutschen Auswahlen, wobei er nie vergaß, deutsche Trainer so gut auszubilden, dass sie ihm nachfolgen konnten.

Theo Frucht handelte nach festen Überzeugungen und ließ sich nicht beirren. „Die große Stärke des DRV sind seine Vereine“, sagte er und pflegte zu den Klubs ein freundschaftliches Verhältnis. Auch zu seiner Amtszeit, die 1996 mit der einstimmigen Wahl in das Ehrenpräsidium des DRV endete, gab es Spannungen wegen Terminfestlegungen von Nationalteams und der Bundesliga. Aber es gab gute Gespräche und keinen Hass. Es war sogar Platz im Rahmenspielplan, um gemeinsam mit Keith Rowlands (Wales), dem Generalsekretär des International Rugby Football Board, und den Verbandschefs Belgiens und der Niederlande in Hannover den Nordwest-Europapokal zu gründen.

Theo Frucht sah gerne schöne Siebenerrugby-Turniere und führte die deutsche Siebener-Auswahl 1992 zu den großen Hongkong Sevens mit Spielen gegen Argentinien, die USA, Singapur und Papua-Neuguinea, aber er sagte aus felsenfester Überzeugung: „Siebenerrugby ist gut für die Ausbreitung unseres Sports in Schulen und Universitäten, aber Rugby ist Fünfzehner. Darauf müssen wir uns voll konzentrieren.“ Dass es anders gekommen ist, hat ihm nicht gefallen.

Am 10. Dezember 2021 ist Theodor Frucht an den Folgen eines Herzanfalls im Alter von 86 Jahren in seiner Heimatstadt verstorben. Der deutsche Rugbysport ist ihm zu Dank verpflichtet. Seine Mitstreiter werden ihn nie vergessen. Claus-Peter Bach

Dienstag, 30. November 2021

Er führte 750 Sportstudierende durchs Staatsexamen

Am 24. November 2021 in Roland Vierneisel gestorben

Während seines Wirkens am Institut für Leibesübungen der Universität Heidelberg, das seit langem Institut für Sport und Sportwissenschaften heißt und einen exzellenten Ruf genießt, hat Roland Vierneisel rund 750 Studierende im Staatsexamen geprüft, nachdem sie bei ihm, dem passionierten Leichtathletik-, Fußball- und Skilehrer, die praktische Sportausübung gelernt und in Vorlesungen und Seminaren alles erfahren hatten, was man in Trainingslehre und Sportgeschichte wissen musste.

 

Roland Vierneisel, am 5. März 1929 in Unterschlüpf im Taubertal als Sohn eines Hauptlehrers und dessen Frau geboren, besuchte nach der Volksschule die Oberschule in Wertheim, die wegen der Kriegsschäden 1945 und 1946 geschlossen war, weshalb das Abitur erst 1950 gefeiert wurde. Ab dem Wintersemester 1950/51 studierte er an der Deutschen Sporthochschule in Köln und belegte Geografie und Geschichte an der dortigen Uni. Nachdem er tüchtig Gas gegeben hatte – wie als Fußballer mit frühen Knieproblemen und als Mehrkämpfer mit Platz fünf im Fünfkampf der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im August 1954 im Hamburger Volksparkstadion, wo der „weiße Blitz“ Heinz Fütterer aus Illingen die Sprints und Friedel Schirmer aus Langenhagen den Zehnkampf gewannen –, war Vierneisel schon 1953 Diplomsportlehrer und bewarb sich bei Professor Otto Neumann in Heidelberg als Assistent.

 

„Ich hoffe, dass Sie bestimmt Wege finden werden für eine angemessene Bezahlung, die der Arbeit eines Sportlehrers an einem Institut für Leibesübungen entspricht“, schrieb der selbstbewusste Bewerber. Neumann, Mannheims 4 x 400-m-Olympiazweiter von 1928, förderte den jungen Kollegen, der nach dem Referendariat am Helmholtz-Gymnasium und einer Anstellung als Studienassessor in Heilbronn ab 1962 als Akademischer Rat an der Uni Heidelberg arbeitete und das Sportinstitut 1994 als Akademischer Direktor verließ. Er war Verwaltungschef des Hauses, das er auf kollegiale, ruhige, freundliche, aber zielorientierte Weise führte. „Roland war ein aufrechter und ehrlicher Kerl, uns Jüngeren immer ein guter Freund“, sagt Helmut Zimmer (80), der Fußball- und Turndozent.

 

Volker Heindel (81), der Basketball- und Handball-Meister und -Lehrer, lernte Roland Vierneisel 1955 während eines Zeltlagers anlässlich der Studenten-Weltmeisterschaft in San Sebastian kennen, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Gerne erinnert man sich am Sportinstitut an die Entwicklungshilfe-Projekte und viele Reisen nach Ägypten, Malta und Sambia, an die zahllosen Skikurse in Les Arcs 1600 – Sohn Peter hat nachgerechnet, dass der Vater im grünen Skianzug und mit roten Stiefeln insgesamt vier Jahre seines Lebens in diesem Wintersportort verlebt hat – und an die freitäglichen Tennis-Doppel mit Eberhard Bucke (†), Vierneisels Nachfolger Gerhard Hamsen, Klaus Roth und Helmut Zimmer. Mit 90 Jahren war Roland Vierneisel noch auf der Skipiste und konnte einbeinig wedeln.

 

Nachdem Roland Vierneisel 1958 Helga Peter, die Schwester des Hockey-Olympiasiegers „Michi“ Peter (†) geheiratet hatte, erlebte er mit Freude und Stolz, dass die Söhne Peter (62) und Uli (60) gute Sportler und 1982 mit dem HC Heidelberg deutsche Hockey-Meister wurden. Vierneisel engagierte sich im USC Heidelberg 40 Jahre lang als Leichtathletik-Abteilungsleiter und als stellvertretender Vereinsvorsitzender. Der Bau der Tennishalle und die Organisation des Zehnkampfes 1967 mit Kurt Bendlins Weltrekord sowie der Weltspiele der Gelähmten 1972 in Heidelberg sind auch seine Verdienste.

 

Am 24. November ist Roland Vierneisel im Alter von 92 eingeschlafen. Viele Menschen sind ihm dankbar für seinen Rat, seine Freundschaft und seine Güte.

 

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Roland Vierneisel, der Verwaltungsdirektor des Heidelberger Sportinstituts, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Foto: Helmut Pfeifer

Montag, 15. November 2021

Eine 13:3-Halbzeitführung reichte nicht zum Sieg

Über die EM-Niederlage der deutschen Rugby-Fünfzehn in Polen

Die Hoffnungen der deutschen Rugby-Nationalmannschaft auf den zweiten Auswärtssieg im zweiten Spiel der Europameisterschaftssaison 2021/22 sind am Samstagnachmittag nicht in Erfüllung gegangen. Zwei Wochen nach dem glänzend herausgespielten 46:16-Erfolg in Litauen musste sich die blutjunge Fünfzehn von Nationaltrainer Mark Kuhlmann (Heilbronn) in Polen mit 16:21 Punkten geschlagen geben. Auf einen guten ersten Durchgang und eine 3:13-Halbzeitführung folgten zweite vierzig Minuten, in denen die Spieler um Kapitän Jörn Schröder völlig den Faden verloren, Fehler an Fehler reihten und nach dem Schlusspfiff des sicheren georgischen Referees Saba Abu-lashivili mit hängenden Köpfen vom glitschigen Kunstrasen gingen.

 

Mark Kuhlmann erklärte die Niederlage, die die Deutschen die Führung in der EM-Division 2 (Trophy) kostete und die Polen auf Tabellenplatz eins hievte, so: „In der ersten Halbzeit haben wir vieles richtig gemacht und das umgesetzt, was wir vorhatten. Aber nach der Pause haben wir komplett den Zugriff verloren und zu viele kleine, individuelle Fehler gemacht.“ Die Fehler (Abseits, Bodenspiel, Über-den-Ball-Fallen) nutzte Polens famoser Kicker Wojciech Piotrowicz nach der 6:16-Führung der Deutschen in der 46. Minute zu fünf erfolgreichen Straftritten in Folge. Der Spielmacher erzielte mit sieben Penaltys alle 21 polnischen Zähler und brachte die gut 2500 Zuschauer im Narodowy-Stadion von Gdingen zum Rasen.

 

Erschwerend kam in der zweiten Halbzeit hinzu, „dass wir aus unserer Gedränge-Überlegenheit keinen Profit schlagen konnten. Und, ehrlich gesagt, war unser Kickspiel auch nicht gut“, fand Mark Kuhlmann. Nach mehreren Kicks der Deutschen landete der ovale Ball in den Händen der polnischen Rückraumspieler, die diese Aufforderungen zu Konterattacken natürlich gerne annahmen. Der Nationaltrainer war seinen Schützlingen aber nicht gram und sagte: „Ein solcher Spielverlauf ist natürlich auch eine Sache der fehlenden Erfahrung. Unsere Dreiviertelreihe ist so jung, dass alle sieben Spieler zusammen weniger Länderspieleinsätze haben als unser Kapitän Jörn Schröder. Kuhlmann stellte abschließend fest: „Die Jungs sind natürlich geknickt, weil ein Sieg absolut möglich gewesen wäre.“

 

Nachdem die deutsche Mannschaft die Nationalhymne ein wenig dissonant in den trüben Himmel geschmettert hatte, sodass eine Übungssingstunde zu empfehlen ist, lief der Ball im Angriff wie am Schnürchen, und die schwarze Mauer, die Verteidigungslinie der Deutschen, stand felsenfest. Nachdem Kicker Piotrowicz die Polen nach Destruktion im Paket mit 3:0 in Führung gebracht hatte, drehte Debütant Edoardo Stella den Spielstand durch zwei Penaltys auf 3:6. Seinem Frankfurter Vereinskameraden Hassan Rayan, einem Felsen in der zweiten Sturmreihe, gelang der einzige Versuch des Spiels zum 3:11 (36.), Stella erhöhte zum 3:13 und mit einem flinken Straftritt nach dem Wiederanpfiff auf 6:16.

 

Dann aber machten die wütenden Polen Druck, die Deutschen begingen technische Fehler und taktische Irrtümer und ließen auch zwei Versuchschancen im Übereifer ungenutzt. Am Ende stand ein 21:16, das immerhin einen defensiven Bonuspunkt einbrachte.

 

Bemerkenswert ist, dass die zuvor zweimal geschlagenen Litauer in Nyon mit 28:20 gegen die Schweiz gewannen – diese Saison verspricht, spannender denn je zu werden.

 

Deutschland: Edoardo Stella (SC Frankfurt 1880) – Tobias Apelt (RK Heusenstamm), Anton Gleitze (Berliner RC), Leo Wolf (SC Frankfurt 1880), Felix Lammers (SC Neuenheim) – Maximilian Kopp (Hannover 78), Oliver Paine (SCN) – Justin Renc (TSV Handschuhsheim), Timo Vollenkemper (SCN), Robert Lehmann (SCN, 41. Nico Windemuth/Germania List) – Jens Listmann (SC Frankfurt 1880, 64. Matthew Flynn/SCN), Hassan Rayan (SC Frankfurt 1880) – Paul Schüle (TSV Handschusheim), Alexander Biskupek (SCN, 59. Mathis Blume/Berliner RC), Jörn Schröder (Kapitän, Heidelberger RK).

Schiedsrichter: Abulashvili (Georgien); Zuschauer: 2500; Punkte: 3:0 (6.) Straftritt Piotrowicz; 3:3, 3:6 (11., 29.) S Stella; 3:13 (36.) Versuch Rayan + Erhöhung Stella; 6:13 (44.) S Piotrowicz; 6:16 (46.) S Stella; 9:16, 12:16, 15:16, 18:16, 21:16 (51., 57., 65., 70., 78.) S Piotrowicz.



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Freitag, 12. November 2021

Der Liebe Gott darf kandidieren

Über das Anforderungsprofil für die neue DOSB-Präsidentschaft

Am 4. Dezember 2021 – einem Samstag! – ist in Weimar der Tag des Herrn. Wo sich die Dichterfürsten Goethe und Schiller auf dem Theaterplatz seit 1857 allabendlich „gute Nacht“ sagen, soll der dritte Präsident des 2006 aus NOK und DSB gebildeten Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt werden.

 

Um die Qualität der bisherigen Sportfürsten Dr. Thomas Bach und Alfons Hörmann zu übertreffen, hat die Interessenvertretung des deutschen Sports eine Findungskommission gebildet, die laut Sportschau.de eine Aufgabenstellung und, weil man schon mal so nett beisammen saß, auch ein Anforderungsprofil formuliert hat.

 

Wir halten fest, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein: Die neue Führungskraft darf männlich, weiblich oder divers sein, was immerhin ein Fortschritt ist, denn Bach und Hörmann waren – zumindest auf den ersten Blick – weder weiblich noch divers. Sie muss die strategische Ausrichtung des deutschen Sports vorgeben und dabei die Ideen und Wünsche aller Mitglieder (Fachverbände, Sportbünde, Sportler (m/w/d) und Sportwissenschaffende) im Leistungs- und Breitensport aufnehmen und diese nach innen – im Haus des Sports mit seinen rund 160 Mitarbeitenden – und nach außen (gegenüber dem Sportministerium, dem Parlament und den politischen Parteien) vertreten. Wörtlich heißt es, sie solle „Ideengeber und Sparringspartner für Politik und Verwaltung“ sein, wobei – „eine Schlamperei!“, meint mein Papagei – nicht explizit ausgeführt ist, ob das Sparring mit oder ohne Boxhandschuhe stattfinden soll.

 

Was die Vorbildung der Führungskraft anbelangt, wird das Papier sehr konkret: Sie möge sich durch ein „strategisch-konzeptionelles General-Management-Verständnis sowie einen internationalen Erfahrungshintergrund mit interkultureller Sensivität“ auszeichnen und einen modernen, motivierenden und fördernden Führungsstil zeigen – und bloß nicht leise vor sich hin mosern, wenn die Angestellten (m/w/d) wieder einmal einen Auftrag gar nicht oder zu spät ausgeführt haben. Auch die Bitte um Unterlassung von Privatgesprächen während einer Videokonferenz des Präsidiums soll unterbleiben, denn die künftige Führungskraft soll dafür sorgen, dass jedermann (m/w/d) sich frei und ungezwungen äußern kann (auch wenn es eigentlich der Situation angemessen wäre, mal für zwei Minuten die Klappe zu halten). Denn die Führungskraft beweist Transparenz, politische Offenheit, Kooperationsbereitschaft in mehreren Sprachen, wobei „fließende Englischkenntnisse“ vorausgesetzt werden, um mit dem Sportminister (m/w/d) oder dem IOC zu verhandeln.

 

„Wahnsinn!“, entfährt es meinem Papagei, der völlig einer Meinung mit Ingo Weiss aus Münster ist. Der 58-Jährige kennt sich im Sport ein bisschen aus, war 14 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Sport-Jugend, führt seit 2006 den Deutschen Basketball-Bund und leitet seit 2018 die Konferenz Spitzenverbände im DOSB. „Wir werden vermutlich niemanden finden, der alles erfüllt“, ahnt Weiss, doch mein Papagei ist optimistischer: „Ich glaube, dass der Liebe Gott ein geeigneter Kandidat wäre. Man müsste ihn halt mal fragen...“

 

Mein Papagei und ich verstehen auch nicht, warum der Vorsitzende der achtköpfigen Findungskommission nicht seinen Hut in den Ring wirft. Christian Wulff ist mit 62 Jahren im richtigen Alter, hat als Bundespräsident von 2010 bis 2012 viele Menschen aus der Politik kennen- und ein paar auch schätzengelernt, und nach einigem Nachdenken ist meinen Papagei eingefallen, dass Wulff ein international erfolgreicher Motorsportler gewesen war. „War er nicht sogar Weltmeister im Bobbycar-Rennen?“, fragt sich mein Papagei, nachdem er bei Wikipedia kaum präzise Angaben über Saisonresultate und Rennverläufe finden konnte.



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