Sonntag, 23. August 2020

Über die Absage der Rugby-Bundesliga im Herbst 2020

Weil Rugby anders ist

 

„Früher“, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, „war auch die Zukunft besser“. Das jedenfalls behauptete Karl Valentin. Da der Münchener Komiker von 1882 bis 1948 gelebt hat, machte er keine Bekanntschaft mit dem Coronavirus und konnte auch nicht in den vielstimmigen Chor der Virologen einstimmen, die seit Monaten vor den von diesem Winzling ausgehenden Gefahren warnen.

 

Bei „Hart, aber fair“, „Maischberger“, „Lanz“ (allabendlich!), „Anne Will“ und sogar in seriösen Magazinen kämpfen Wissenschaftler bis zur Erschöpfung gegen die irren Auffassungen von Corona-Skeptikern, die – vornehmlich anonym im Internet oder verhüllt bei Demos der krassen Art – glauben machen wollen, das fiese Virus sei „vom Chinesen“ gezüchtet worden, um „den Ami“ auszurotten oder in Ischgl „vom Putin“ ausgesetzt worden, um „die Merkel“ zu ärgern. Karl Valentin hätte dazu bemerkt: „Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.“

 

Der Sport hat auf die Bedrohungen weitgehend vernünftig reagiert: Die Fußball- und Basketball-Bundesligen wurden geisterhaft zu Ende gespielt, die Amateurkicker haben wie die Handballer, Eishockeycracks und andere Sportler ihre Saison abgebrochen. Sebastian Vettel und seine Kollegen treiben Lewis Hamilton vor sich her, ohne von ihren Fans ausgepfiffen zu werden – wo keine Zuschauer sind, können sie nicht pfeifen.

 

Seit ein paar Tagen aber ist mein Papagei doch stark beunruhigt. Zwei harte Entscheidungen sind gefallen: Die Innenminister des Bundes und der Länder waren ausnahmsweise mal einer Meinung und haben Fußball-Bundesligaspiele mit Zuschauern für diesen Herbst untersagt. Und kurz danach hat die Mehrheit der 47 Erst- und Zweitligaklubs im Rugby mehrheitlich entschieden, dass das Ansteckungsrisiko zu groß sei und deshalb 2020 keine Bundesligaspiele mehr stattfinden werden. Bei seinem Urlaubsrundflug über die deutsche Heimat hat mein Papagei die Wut der Fußballfans und die Enttäuschung der Rugbyspieler gespürt: „Da braut sich was zusammen!“

 

Siebenerrugby als Nothilfe

 

Während sich die Bosse im Fußball sorgen, wie sie die Attraktivität ihres Geschäfts erhalten und ihre teuren Teams finanzieren können, müssen sich die Klubchefs im Rugby Gedanken machen, wie sie ihre Amateurspieler ohne ernsthafte Wettkämpfe bei der Stange halten. Eine Wettkampfpause bis März 2021 – das wirft jeden Sport zurück, da brauchen wir Karl Valentin gar nicht in die Zukunft schauen lassen.

 

Man wird, hier wie da, kreativ sein müssen – und klug und vernünftig und verantwortungsbewusst. Corona-Verniedlichende dürfen insbesondere im Rugby keine Stimme haben. Denn Rugby ist anders als Fußball und jedes andere Ballspiel. Während beim Basketball, Handball und Fußball der ballführende Akteur immer versucht, den Verteidiger zu umspielen, ihn auszutricksen oder per Doppelpass zu überwinden (weshalb man von Kontaktsportarten spricht), ist es ein Merkmal des Rugbysports, dass der balltragende Angreifer absichtlich auf den Verteidiger aufläuft, um ihn zu binden und Raum für Angriffsaktionen der Mitspieler zu schaffen. Rugby ist ein Kollisionssport, wie Verbandsarzt Colin Grzanna ganz richtig sagt. Beim Rugby kämpfen Stürmer Schulter an Schulter. Ihr Schweiß vermischt sich im Gedränge. Sie atmen sich aus fünf Zentimentern Entfernung direkt an. Mundgeruch ist eklig. Das wissen auch Ringer und Judoka, die im Herbst ebenfalls keine Kämpfe austragen.

 

Wer nun meint, Freundschaftsspiele oder ein Cup-Wettbewerb der Sorglosen könnten die Bundesliga im Herbst ersetzen, hat bei all den Corona-Fernsehdiskussionen nichts verstanden. Man kann übrigens auch nicht die Bundesligen pausieren lassen und die Saison der Regional- und Verbandsligen durchführen. Nein, gerade ein Nischensport wie Rugby in Deutschland ist auf Solidarität und kluges Handeln seiner Akteure angewiesen, sonst verliert er jede Reputation. Die wurde gerade durch die Erfolge der Siebenerrugby-Nationalmannschaft mit der Vizeeuropameisterschaft 2018 und dem EM-Titelgewinn 2019 aufgebaut.

 

Die Traditionalisten des Rugbyspiels werden diese Sätze nicht gerne lesen, doch mein Papagei ist unerbittlich: „Spielt Siebenerrugby, nur in diesem Herbst, aber mit Mann und Maus. Nur so könnt Ihr fit und gesund bleiben!“

 

Siebenerrugby, seit 2016 ein olympischer Sport, wurde 1883 von Adam Haig „erfunden“, einem Zeitgenossen Karl Valentins. Auch der Metzgergeselle ahnte nicht, dass sein Spiel 2020 während der Coronavirus-Pandemie Hochkonjunktur haben sollte. Weil im schottischen Melrose am Freitagabend, nach der Auszahlung des Wochenlohns, heftig gesoffen wurde, standen tags darauf beim Rugbymatch gegen einen Nachbarort mit Adam Haig nur sieben Spieler für Melrose zur Verfügung. Die anderen hatten Kopfschmerzen und waren zuhause geblieben.

 

„Das haben sie gut gemacht“, findet mein Papagei.

 

Claus-Peter Bach am 22. August 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung


Donnerstag, 6. August 2020

Die Vereine melden nur wenige Transfers

Über die Spielerwechsel in der Rugby-Bundesliga Süd

 

Am 31. Juli um 24 Uhr war vieles klar, denn zur Geisterstunde endete die Wechselfrist in den Rugby-Bundesligen. Nachdem die Spielzeit 2019/20 aufgrund der Coronavirus-Pandemie nach dem achten Spieltag beendet werden musste und keine Meister und Absteiger ermittelt wurden, waren die Heidelberger Bundesligisten HRK, RGH, TSV Handschuhsheim und SC Neuenheim sowie der Zweitligist HTV mit Neuverpflichtungen zurückhaltend. Sie bauen auf Nachwuchskräfte aus den eigenen Talentschuppen.

 

Der TSV Handschuhsheim, deutscher Vizemeister 2019 und beim Saisonabbruch hinter Titelträger SC Frankfurt 1880 auf dem zweiten Tabellenplatz der Bundesliga Süd, hat die Mannschaftsführung in neue Hände gegeben. Sportlicher Leiter ist nun Alexander Hug, der Michael Reinhard abgelöst hat. Neue Trainer sind der Engländer Max Stelling und der Südafrikaner Jacobus Otto, der seinen Platz im Olympiakader der deutschen Siebenerrugby-Nationalmannschaft verlassen hat, um das Engagement bei den „Hendsemer Löwen“ einzugehen. Der TSV meldet mit den Nationalstürmern Antony Dickinson, Alexander Metz (beide von der RGH) und Justin Renc (von Hannover 78) drei prominente Neuzugänge. Außerdem kehrt der Stürmer Felix Krause vom schottischen Erstligisten Boroughmuir RFC in den Lions Park zurück. Aus dem starken U18-Team rücken Conor Arnold, Peer Dickhaut, Yannis Hartmann, Joshua Kühnel, Karl Römming, Julian Schenk, Marius de Giacomini und Attila Oeß in die beiden Männer-Teams auf.

 

Die Rudergesellschaft Heidelberg belegte im März den dritten Tabellenplatz und wird weiterhin von Sportchef Kai Nagel und den beiden Trainern Mustafa Güngör und Tim Kasten betreut. Die RGH hat mit Siebenerrugby-Ass Bastian Himmer, der nach zehn Jahren zu seinem Heimatverein Hannover 78 zurückkehrt, Johannes Schreieck (zu Meister Frankfurt) sowie Dickinson und Metz vier prominente Abgänge, hat sich aber fünf Verstärkungen geholt. Vom irischen Sunday Wells RFC aus Cork kommt Eoin Hurley, vom TV Pforzheim der im TB Rohrbach ausgebildete türkische Nationalspieler Ali Sürer, vom SCN die beiden Stürmer Willians Portillo (Paraguay) und Guillermo Garcia Vallina (Spanien) sowie Vincent Moser vom RC Regensburg. Paul Pfisterer kehrt vom München RFC zurück. Aus dem Juniorenteam rücken Joris Ahlborn, Dennis Fabian Bollian, Clemens Kienzler, Marc Zöller, Nick Hittel und Raffael Strauß in die beiden Männer-Teams auf.

 

Der Sportclub Neuenheim schaffte es als Aufsteiger bis zum Saisonabbruch auf den vierten Rang. Die Verantwortlichen sind weiterhin der Sportvorsitzende Axel Moser und die beiden Trainer Alexander Widiker und Clemens von Grumbkow. Neu sind der Spielausschuss-Vorsitzende Kevin Wilke, die vom RC Rottweil gekommenen Stürmer Mo’unga Taufateau aus der neuseeländischen Rugby-Hauptstadt Auckland und Markus Brausam sowie Nationalspieler Felix Lammers vom HRK. Aus dem U18-Team rücken Jakob Dipper, Maximilian Heid, Jakob Helms, Luis Herzog, Lennart Okafor, Marco Radoccia, Finn Schwager, Paul Sengewitz, Anton Troch und Christoph Weißberg in die beiden Männer-Teams auf. Portillo, Garcia Vallina (zur RGH), Kevin Landsberg (Ziel unbekannt) und Tomás van Gelderen (Karriere beendet) stehen nicht mehr zur Verfügung.

 

Beim Heidelberger Ruderklub sind neuerdings Peter Ulrik Kessel und Alexander Wiedemann neben den beiden Trainern Pieter Jordaan und Kehoma Brenner für die beiden Männer-Teams verantwortlich. Der Verein, der Außendreiviertel Felix Lammers an den SCN abgegeben hat, meldet aufgrund der Unsicherheiten in der Coronavirus-Pandemie noch keine neuen Spieler, möchte aber eine zweite Mannschaft für die Verbands- oder Regionalliga Baden-Württemberg melden.

 

Beim Heidelberger Turnverein, zu Saisonabbruch Fünfter der 2. Liga Süd, gab es einen Trainerwechsel. Anstelle von Thomas Kurzer wirken nun Nationalspieler Ben Scherrer, Jannis Kruse und der Ire Daithy Kerr gemeinsam. Spielleiter Rob Williams ist aufgrund der Pandemie in Wales gebunden, wo er seine betagte Mutter pflegt. Der HTV hat sich mit Oliver Seelinger vom TSV Handschuhsheim und mit Jules Mallet, einem jungen Studenten der Universität Nancy, verstärkt.

 

„Unser Saisonziel ist es, wieder Rugby zu spielen“, fasste Vorstandsmitglied Ralf Schindler von der RGH die Hoffnungen aller Heidelberger Rugbyspieler zusammen. Vom Deutschen Rugby-Verband (DRV) ist ein Saisonbeginn Mitte September angepeilt worden, doch Verbandsarzt Colin Grzanna (Berlin) äußerte sich in diesen Tagen zurückhaltend: „Das Risiko eines Wettkampfbetriebes wird den Nutzen der Sportausübung nicht überschreiben. Es ist derzeit sehr unwahrscheinlich, dass wir Mitte September mit einem vertretbaren Risiko unseren Sport ausüben können“, teilte der frühere Nationalmannschaftskapitän den Vereinen mit.

 

Claus-Peter Bach am 3. August 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

 

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Nationalspieler Alexander Metz kehrt nach einigen Jahren bei der Rudergesellschaft Heidelberg zu seinem Heimatverein TSV Handschuhsheim zurück. Foto: F&S


Mittwoch, 29. Juli 2020

Mein Papagei stürzte fast vom Himmel

Über den Stellenwert Olympischer Spiele ein Jahr vor Tokio 2021


Am Freitagabend haben mein Papagei und ich uns auf dem Sofa nett eingerichtet, ein paar Kissen im Rücken, Erdnussflips, Stachelbeeren, Cola Zero und frischen Filterkaffee – was man so braucht für eine lange Fernsehnacht. Vier Jahre zuvor, bei Olympia in Rio, war das schön. Schon in der ersten Nacht erlebten wir Unterwasserrudern auf einer windgepeitschten und von toten Fischen verseuchten Lagune, bewunderten den Straßenrennen-Sieger Greg van Avermaet beim Biss in die Goldmedaille und empörten uns, als ein Reporter verkündete, der erste Aufschlag von Andrea Petkovic und Jelina Switolina sei mit unter 50 Prozent schlecht gewesen, „was bei Frauen oft so“ sei.

 

Diesmal verzehrten wir Erdnussflips, Stachelbeeren und Kaffee zu „Ein Fall für zwei“, „SOKO Leipzig“, „Tatort“ und „Mankells Wallander“, und irgendwann schlummerten wir hinweg, denn auch Herr Dr. Thomas Bach, bekanntester Ratgeber in allen olympischen Lebenslagen, tauchte an diesem Abend nicht auf.

 

Kürzlich ist mein Papagei bei einem Rundflug über „Sportdeutschland“ beinahe vom Himmel gestürzt. Er hatte beobachtet, wie fleißig unsere Athletinnen und Athleten sich auf die Olympischen Spiele 2020 im Jahr 2021 in Tokio vorbereiten, wie sie unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln aus 1,50 Metern Entfernung Judo- und Ringergriffe ansetzen, mit auf fast zwei Meter verlängerten Armen boxen und in einem auf 40 Meter Länge ausgebauten Achter den Neckar hinauf- und hinunterrudern. Da gelangte die Radio-Nachricht an sein Ohr, dass Thomas Bach entschlossen sei, 2021 nochmals für das Amt des IOC-Präsidenten zu kandidieren. „Das darf doch nicht wahr sein!“, entfuhr es meinem Papagei, dem sofort klar war, wie demotivierend diese Nachricht auf die Sportlerinnen und Sportler wirken wird.

 

Keine Ethik, keine Moral

 

Gut, dass Tokio 2020 aufgrund der Coronavirus-Pandemie verschoben werden musste und kein Mensch weiß, ob das Sportfest im Juli 2021 stattfinden kann, ist dem IOC-Präsidenten nicht anzulasten. Dieses kleine fiese Virus, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, hat Bach nicht erfunden und auch nicht verbreitet. Andere Krankheiten, die den Weltsport plagen, aber schon. Alfons Hörmann, der ehrenwerte Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat in dieser Zeitung zwar mal behauptet, „Thomas Bach ist nicht Teil des Problems, sondern dessen Lösung“, doch mein Papagei hält dagegen und sagt: „Dieser Satz enthält zwei Irrtümer“.

 

Lesen bildet, Radiohören auch. Am 18. Juli hat Bianka Schreiber-Rietig im Deutschlandfunk kommentierend zusammengefasst, warum es keine gute Idee sei, dass das IOC mit Bach an der Spitze weiterwursteln wolle. Wir zitieren ein paar Sätze der Kollegin, weil sie so schön und so treffend sind:

 

„Auch in einer zweiten Amtszeit wird sich nicht viel ändern. Das IOC bleibt in vielem ignorant und aus der Zeit gefallen.“ – Dann wird Frau Schreiber-Rietig konkret: „Der 100 Delegierte starke IOC-Hofstaat huldigt König Thomas. Kritik? Keine. Dabei kam sein zauderndes Pandemie-Management außerhalb seines Königreiches nicht gut an – weder bei den Athletinnen und Athleten, noch dem Gros der Sportfamilie, geschweige denn bei vielen Menschen weltweit.“ Mein Papagei erinnert sich: „Das IOC stimmte einer Verschiebung der Spiele erst zu, als tausende Menschen gestorben waren.“

 

„Bachs IOC-Agenda 2020 sollte die Spiele reformieren. Ergebnisse: Bisher mau“, stellt Frau Schreiber-Rietig fest, und mein Papagei erinnert an Bachs Hinhalte-Politik im Doping-Skandal um Russland, an seine zerstörende Kritik an der unterfinanzierten WADA, an seine Ferne zu den Athleten und seine Nähe zu Despoten in aller Welt. Natürlich: Olympia hat einen Wert. Mit Bach an der Spitze hat es aber keine Ethik und keine Moral.

 

Claus-Peter Bach am 27. Juli 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Sabine Kusterer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Über eine deutsche Gewichtheberin, die 2021 bei Olympia in Tokio starten möchte


Sabine Kusterer aus Karlsruhe lebt in Leimen und ist Gewichtheberin in der Bundesliga-Staffel des KSV Durlach. Die 29-Jährige ist Berufssoldatin und Studentin der Volkswirtschaftslehre. Sie dient als Oberfeldwebel in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Bruchsal, und als wir uns im Grün vor dem Olympiastützpunkt Rhein-Neckar treffen, hat sie sich schon ein paar Stunden auf eine Klausur an der Uni Heidelberg vorbereitet.

 

Die vielfache deutsche Meisterin der Gewichtsklassen bis 58 und bis 63 Kilogramm hat eine große internationale Erfahrung: 2008 war sie Jugend-Europameisterin, bei den Frauen-Europameisterschaften 2011 und 2013 belegte sie siebte Plätze, und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro schaffte sie ihre persönlichen Bestleistungen mit 90 Kilogramm im Reißen und 110 Kilogramm im beidarmigen Stoßen; damit gewann sie in der Klasse bis 58 Kilogramm die B-Gruppe und belegte im Gesamtklassement den zehnten Rang.

 

Die Olympiasiegerin Sukanya Srisurat ist inzwischen lebenslang gesperrt worden. Die Thailänderin, bereits 2013 des Dopings überführt und für zwei Jahre suspendiert, hatte in Rio 110 und 130 Kilogramm zur Hochstrecke gebracht und sich 2017 bei einem anderen Wettkampf erneut beim Betrug erwischen lassen. Das Olympia-Gold durfte sie behalten. „Das macht mich wütend“, sagt Sabine Kusterer, zumal die International Weightlifting Federation (IFW) lapidar erklärt hat: „So ist das System, und so sind die Regeln.“



Sabine Kusterer hat in ihrem langen Sportlerleben schon viel Betrug und viele Ungerechtigkeiten erlebt und sagt: „Es ist ganz schlecht, dass im internationalen Gewichtheben permanent gegen das Fairplay und die Werte des Sports verstoßen wird, denn Doping hat im Training und in den Wettbewerben nichts zu suchen. Leider wissen diese Betrüger nicht, was sie sich und anderen Athleten antun.“ Für viele Konkurrenten stehe der Erfolg über allem. Da gebe es zum Beispiel den viermaligen Weltmeister Ilya Ilyin aus Kasachstan, der bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und 2012 in London wegen Dopings disqualifiziert wurde, aber auf Instagram immer noch Millionen Follower habe. Ein Betrüger als Volksheld? Im Gewichtheben ist das in manchen Ländern möglich.

 

Sabine Kusterer, die über den Tellerrand ihres Sports hinausblickt, seit September 2018 auch ehrenamtliche Vizepräsidentin des Badischen Sportbundes Nord ist und als Botschafterin eines regelgerechten und anständigen Sports in die Vereine hinein wirkt, lässt das nicht kalt: „Wer betrügt und erwischt wird, gehört geächtet. Denn er zerstört den Ruf unseres Sports und vernichtet die Trainingsarbeit seiner Konkurrenten und bringt deren Leben in Gefahr. Denn wer permanent betrogen wird, gerät in Gefahr, sein inneres Gerüst zu verlieren.“ Die deutschen Antidopingregeln müssten weltweit gelten: Wer betrügt, verliert seinen Kaderstatus, wird ausgeschlossen und muss die Zuwendungen der Stiftung Deutsche Sporthilfe und alle Prämien komplett zurückzahlen.“

Diese Bedingungen müssen Athletinnen und Athleten unterschreiben, wenn sie in einen Bundeskader aufgenommen werden. Sabine Kusterer gehört gegenwärtig dem „Topteam Future“ der Sporthilfe an und wird mit monatlich 300 Euro als Zulage zu ihrem Bundeswehr-Sold unterstützt: „Davon kann man leben“, sagt sie und freut sich auf das in einer halben Stunde beginnende Krafttraining im OSP.

 

„Topteam Future“ heißt, dass man von Sabine Kusterer – wenn sie gesund bleibt und weiterhin konzentriert trainieren kann – noch einiges erwartet. Trainingsziel ist die erneute Qualifikation für die Olympischen Spiele, bei denen sie 2021 in der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm antreten möchte. Neue Gegnerinnen, neue Herausforderungen – es ist nicht möglich, ein konkretes Leistungsziel zu formulieren. Die hundert Kilogramm im Reißen möchte Sabine Kusterer aber schon irgendwann noch schaffen.

 

Immerhin hat sie ganz leise Hoffnungen, dass der Sport in der IWF künftig ein wenig sauberer und fairer wird: „Ich glaube nicht, dass Gewichtheben jemals dopingfrei sein wird. Aber mit richtiger Schulung der jungen Athletinnen und Athleten in aller Welt und mit einem durchgreifenden Kontrollsystem könnte der Betrug stark minimiert werden. Es mag eine Utopie sein, aber die IWF muss endlich zeigen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher.“

 

Hoffnung verleiht der schonungslose Report des kanadischen Jura-Professors Richard McLaren (75), der das Geschäftsgebaren der IWF in den letzten 25 Jahren untersucht und im Rahmen einer ARD-Dokumentation am 7. Juni dieses Jahres öffentlich gemacht hat: Unter dem Ungarn Tamas Aján (81) aus Ungarn, der nach 25 Jahren als Generalsekretär seit 2000 als IWF-Präsident amtierte, Council-Mitglied der Wada und IOC-Mitglied war, gab es alles: Wahlbetrug, Vertuschung von rund 40 prominenten Doping-Fällen gegen Geldleistung, Bedrohung, Erpressung und Abservierung von Andersdenkenden wie den deutschen Verbandspräsidenten Dr. Christian Baumgartner aus IWF-Gremien und persönliche Vorteilsnahme. McLaren hat ausgerechnet, dass unter Aján 9,27 Millionen Euro aus der Kasse des Weltverbandes verschwunden und nicht mehr aufzufinden sind. Für diese großartigen Leistungen hat Tamas Aján am 28. Februar 2010 den Olympischen Orden, die höchste Auszeichnung des IOC, erhalten. Da war IOC-Präsident Thomas Bach noch im Anflug auf den olympischen Thron, doch schon 2011 ließ er sich, von Aján umarmt, ohne jedes Schamgefühl ablichten.

 

Die Hoffnung Sabine Kusterers und ihrer Kolleginnen und Kollegen in aller Welt ruhen nun auf der US-Amerikanerin Ursula Papandrea, die nach Lektüre des McLaren-Reports als Interimspräsidentin der IWF versprochen hat, die „klar benannten Probleme“ anzugehen: „Wir wollen in eine neue Ära der Transparenz, Verantwortung und guten Unternehmensführung eintreten“, versprach Ursula Papandrea in der ARD. Sabine Kusterer wünscht ihr viel Kraft, Glück und Erfolg.

 

Claus-Peter Bach am 27. Juli 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Samstag, 27. Juni 2020

Gegen Anfeindungen hat sie gute Strategien

Serena Benavente über Diskriminierung und Rassismus in den USA und in Deutschland

Auf diese Frage zeigt Serena Benavente ihr schönstes Lächeln, und ihre Hände, mit denen sie so viele Emotionen ausdrückt, wirbeln begeistert durch die morgendlich noch kühle Luft. „Ich liebe Heidelberg! Die Altstadt, der Fluss, die Alte Brücke, das Kopfsteinpflaster, die Cafés, der Wald, die Thingstätte fürs Konditionstraining, das Radfahren. Oh, es gibt so viel Schönes hier“, ruft die beinahe übersprudelnde Basketball-Trainerin: „Heidelberg ist wirklich meine zweite Heimat. Aber Heimat ist für mich auch Kalifornien, wo meine Eltern leben und wo ich aufgewachsen bin.“

Serena Benavente wurde vor 35 Jahren in dem 34 000-Einwohner-Städtchen Seaside im Landkreis Monterey geboren. Die Eltern sind als junge Leute aus Guam, der südlichsten Insel des Marianen-Archipels im pazifischen Ozean, eingewandert. Guam hat rund 160 000 Einwohner, ist so breit wie die Strecke von Heidelberg nach Mannheim und so lang wie die Autobahn zwischen Patrick Henry Village und Karlsruhe. Es liegt irgendwo zwischen Japan, den Philippinen und Hawaii und ist ein nicht inkorporiertes Territorium der USA, hat also Seine Peinlichkeit Donald Trump als Staatsoberhaupt, aber keinen Stern auf der US-Flagge. Mutter Millie ging „mit 17, 18 Jahren zum Studium nach San José“ und ist Fitnesstrainerin, Vater Pete – ein guter Baseballspieler – hat auch studiert und wirkt als Techniker an einer Krankenpflegeschule.

Serena Benavente lebt seit elf Jahren in Heidelberg, zunächst als erste Profispielerin im Team der BasCats USC Heidelberg, seit 2017 als Co-Trainerin der Heidelberger Bundesliga-Damen an der Seite von Chefcoach Dennis Czygan und nun auch als Athletiktrainerin der MLP Academics in der 2. Bundesliga der Herren. Man sieht Serena Benavente an, dass sie nicht die Tochter eines Handschuhsheimer Landwirts und seiner Magd ist, sondern „von auswärts“ gekommen ist. Ihr Wesen ist fröhlicher als das der Kurpfälzer Ureinwohner, ihr Lächeln ist ansteckend, ihre Hände schwingen erklärend durch die Luft, sie antwortet auch auf intimere Fragen mit einer Offenheit, die große Selbstsicherheit ausstrahlt.


Wo ist Ihre Heimat?, lautete die Eingangsfrage, die ihr eine Liebeserklärung zu Heidelberg entlockt. Haben Sie in den USA oder in Deutschland jemals Diskriminierung erlebt oder Rassismus erlitten? Serena Benavente muss nur kurz nachdenken: „Von den USA kann ich nicht sprechen, denn ich kenne eigentlich nur Kalifornien richtig gut. Die Vereinigten Staaten sind so groß. Ich war beispielsweise noch nie an der Ostküste und kann mir darüber kein Urteil bilden. Ich sehe natürlich die Fernsehbilder und weiß über die Black Power-Bewegung und #blacklivesmatter Bescheid“, erklärt die 165 Zentimeter große Sportlerin, die im Kampf mit den längsten deutschen Athletinnen als Spielmacherin der BasCats maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der einst so starke Heidelberger Basketball gegenwärtig wenigstens eine Erstliga-Mannschaft hat.

„Meine Familie ist von Diskriminierung sicher nicht unberührt – ich persönlich weniger, aber von meinen Brüdern gibt es schon ein paar Geschichten“, deutet Serena Benavente an, dass Einwanderer aus Guam auch Benachteiligungen erfahren können, besonders dann, wenn sie im Leben und Beruf erfolgreich sind. Bruder Chris ist Luftwaffensoldat, Jonathan freiberuflicher Fotograf, dort wie hier ein harter Job. Was die Rassismus-Erfahrungen der Brüder anbelangt, möchte Serena nicht ins Detail gehen.
In Deutschland kann Serena Benavente mit ihrer 32-jährigen Freundin Toni in Ruhe und Frieden leben. Sie weiß natürlich, dass sich hierzulande Rassisten, die jahrzehntelang im Schatten gewirkt haben, mehr und mehr ans Tageslicht trauen und dass es viele rassistische Gruppen und sogar gefährlichen rassistischen Terror gibt, doch war sie von solchen Anfeindungen noch nie persönlich betroffen. Weder aufgrund ihrer Herkunft, noch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. „Anfangs war das natürlich ein bisschen kompliziert, aber wir haben einfach unser Leben gelebt und unser Privates nicht an die große Glocke gehängt. Wir sind nicht jeden Sonntag Händchen haltend durch die Hauptstraße gelaufen“, lacht Serena Benavente und fügt fast ein bisschen trotzig hinzu: „Heute machen wir das aber schon ab und zu, und wer sich daran stört, soll sich eben daran stören. Das trifft mich nicht, denn ich mache vieles mit mir selbst aus und brauche andere nicht dazu. Natürlich pflegen wir einen Lebensstil, der nicht jedem gefällt. Aber das berührt uns nicht.“

Dann lässt Serena Benavente aber wissen, dass sie gute Gespräche mit Freunden, entspannende Stunden mit Kaffee und Kuchen und den Gedankenaustausch mit liberalen Menschen durchaus sehr schätzt und genießen kann: „Ich weiß, dass es in jeder Gesellschaft faule Äpfel gibt. Deshalb versuche ich, das Beste in einem Menschen zu erkennen. Wenn ich aber überhaupt nichts Gutes entdecke, beschäftige ich mich nicht weiter damit. Anfeindungen solcher Leute wären mir egal, doch mit anderen Menschen bin ich stets zur Diskussion bereit.“

Serena Benavente ist Bachelor und Master in Kinesiologie und berät ihre Spielerinnen und Spieler in Fragen der sportlichen Lebensführung und Trainingssteuerung. Wie viel Training ist gut? Wie viel Schlaf brauche ich? Welche Ernährung ist die richtige? Welche Kraftübungen nützen mir? Welche Muskelgruppen benötigen Regeneration? – solche Themen eben. Als sich während des Gesprächs vor der „Cantina“ des Olympiastützpunkts im Neuenheimer Feld ein Rugby-Ass nähert und höflich fragt, ob Serena sich mal ein befreundetes Mädchen nicht aus dem Basketball anschauen könne, die körperliche Probleme habe, erscheint wieder dieses wunderschöne Lächeln in ihrem Gesicht. Sie sagt zu: „Das empfinde ich als Wertschätzung.“

Claus-Peter Bach am 27. Juni 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

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Serena Benavente im Gespräch mit der Rhein-Neckar-Zeitung. Foto: vaf