Sonntag, 30. Oktober 2022

Alles nur eine Frage des Stils?

Über den Untersuchungsbericht zur Intrige gegen DOSB-Präsident Alfons Hörmann


Wer im sonnigen Herbst 2021 die Medienberichte über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass dessen Präsident Alfons Hörmann (62) der größte Schuft auf Erden sei. Nachdem eine „DOSB-Mitarbeiterschaft“ am 6. Mai 2021 eine zweite anonyme E-Mail an Präsidium, Vorstand und einige Medien gesandt hatte, sahen sich Hörmann und die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker (52) schweren Vorwürfen ausgesetzt. Eine erste Nachricht war vier Monate zuvor an Betriebsräte geschickt worden, die wegen der Anonymität des Absenders aber nicht reagierten.

 

„Mehr als ein Drittel der Mitarbeitenden“, heißt es in der E-Mail vom Mai, litten unter einer „Kultur der Angst“ und begründeten, „warum wir eine/n neue/n Präsident/in brauchen“. Der Mann, der in seinen kämpferischen Auseinandersetzungen mit der Politik, manchen Medien, dem IOC und internen Widersachern im DOSB und einigen Fachverbänden stets „Klarheit und Wahrheit“ für sich reklamiert hatte, stand am Pranger. Er habe die im „Haus des Sports“ in Frankfurt geltenden Hygieneregeln verletzt und keine Mund-Nasen-Bedeckung getragen. Er sei fordernd, einschüchternd, rücksichtslos und herablassend aufgetreten, habe gegen Mitarbeitende offenen Tadel geäußert und in einem Fall einen Bleistift in Richtung einer Dame geworfen, die während einer Videokonferenz im gleichen Raum weilte und mit einer anderen Dame schwatzte.

 

Das wirft natürlich Fragen auf: Darf ein Chef heutzutage, also nach der Zeitenwende, noch laut werden? Darf er seine Mitarbeitenden zu Disziplin und Höchstleistungen animieren? Darf er Arbeitsergebnisse einfordern und Kritik äußern, wenn ihm diese zu schlecht erscheinen? Hörmann fühlt sich, wohl bis heute, keines Fehlverhaltens schuldig, zumal ihm eine Ethikkommission unter Vorsitz des vormaligen Bundesministers Thomas de Maizière verschwurbelt bescheinigte, sich zwar kritikwürdig, aber niemals strafrechtlich relevant verhalten zu haben. Fazit der Ethiker: Man könne Hörmann böse sein, aber eigentlich nur aus stilistischen Gründen.

 

Der Präsident aber war tief beleidigt und so verstört, dass er immer weniger zwischen Freund und Feind unterscheiden konnte und im Dezember 2021 seinen Rückzug vom höchsten Amt des deutschen Sports verkündete.

 

Die neue DOSB-Führung unter Präsident Thomas Weikert wollte verstehen, setzte eine „Aufarbeitungskommission“ ein und entband die Mitarbeitenden von Verschwiegenheitspflichten. Die Kommission untersuchte die Causa penibel und legte nun einen 43-seitigen Bericht vor. Sie wurde von namhaften Juristen geleitet: Von der Wiesbadener Rechtsanwältin Christa Thiel (68), der ehemaligen Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes und DOSB-Vizepräsidentin für Leistungssport (2010 bis 2014), und von Clemens Basdorf (73), von 2006 bis 2014 Vorsitzender des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Leipzig.

 

Sie haben sich alle Mühe gegeben, Licht ins Dunkel der Intrige zu bringen. Aber auch sie – wie die von Hörmann beauftragten Anwälte, Sprachgutachter und Forensiker – konnten den/die Autor/en der E-Mails nicht identifizieren. Ob sich ihr Blick auch nach Nordrhein-Westfalen und in die Schweiz gerichtet hat, wissen wir nicht.

 

Ihr Urteil über Hörmann besagt: Hygieneverstoß ja – geschenkt. Harscher Umgangston ja – nicht schön, aber auch nicht sooo schlimm. Alle Verdächtigungen Hörmanns, was die Urheberschaft der E-Mails betrifft – nicht zu beweisen. Die Kommunikation des DOSB nach Bekanntwerden der Affäre – eine einzige Katastrophe. Besonders peinlich: Eine Ehrenerklärung des Präsidiums pro Hörmann, von der sich Unterzeichner anderntags öffentlich distanzierten.

 

Kann ein Sportbund mit rund 200 Mitarbeitenden, einer Kommunikations- und Rechtsabteilung nicht professioneller arbeiten? Muss ein Sportverband mit Justiziar „deutlich mehr als 700 000 Euro“ für Anwälte ausgeben? Deshalb: Die Attacken auf Hörmann, aber auch dessen Kampf mit Windmühlen, waren für den Sport nicht gut – und haben viel zu viel Geld gekostet.


Montag, 24. Oktober 2022

Die KTG Heidelberg hat den Klassenverbleib geschafft

Über die 2. Kunstturn-Bundesliga

Die KTG Heidelberg hat den Klassenverbleib in der 2. Kunstturn-Bundesliga Süd „endgültig geschafft.“ Das steht für den 29-jährigen Trainer Michael Wilhelm nach dem unerwartet klaren 43:23 (18:15)-Heimsieg über den Tabellenzweiten KTV Ries fest, mit dem sich die Heidelberger Riege vor 120 Zuschauern auf dem dritten Rang etablierte „und nun nach oben schauen darf“ (Wilhelm).

 

Die von Wilhelm und dem seit rund 15 Jahren mit der KTG verbundenen und aus dem zerstörten Cherson stammenden Ukrainer Oleksandr Babanko betreute Riege, in der sich die 18-jährigen Carl und Lorenz Steckel, Joel Schauwienold und Shimon Aoki prächtig entwickeln, zeigte gegen den Zusammenschluss dreier Vereine aus dem Donautal den besten Wettkampf der Saison, erzielte mit 301,25 Wettkampfpunkten eine Steigerung um acht Zähler und weckte Hoffnungen auf weitere Erfolge in den beiden letzten Wettkämpfen am Samstag bei Aufsteiger MTV Ludwigsburg und am 12. November um 18 Uhr in der Kirchheimer Sporthalle gegen die noch punktlose TG Allgäu. „Unsere starke Teamleistung macht mir Mut“, sagte Michael Wilhelm.

 

In den frühen Abendstunden des Samstags war Wilhelm fröhlich, gelöst und „zufrieden, weil ich mit einem solchen Ergebnis überhaupt nicht gerechnet habe – ich hatte eher das Gegenteil befürchtet.“ Aber gegen das Team des starken Sechskämpfers Lucas Buschmann, der wie der an fünf Geräten aufgebotene Maximilian Henning neun Scorepunkte holte, turnten die Heidelberger kontrolliert, mutig, selbstbewusst und sicher und gewannen am Boden mit 10:2, am Sprung mit 9:4, am Barren mit 8:0 und am Reck abermals mit 8:4. Am Seitpferd gab es ein 3:3, und das 5:10 an den etwas zu heftig schaukelnden Ringen war zu verschmerzen, zumal es Michael Wilhelm auf seine Kappe nahm: „Da habe ich taktisch falsch entschieden.“

 

Überhaupt herrschte in der angesichts der angebotenen spektakulären Leistungen viel zu schlecht besuchten Halle eine sehr angenehme Atmosphäre: Nach freundlichem Applaus zum 57. Geburtstag des KTG-Vorsitzenden Professor Henning Plessner kam es am Barren und Reck zu Zweikämpfen der Spitzenkräfte, die Heidelbergs Japaner Tomoya Kashiwagi gegen den Briten Euan Cox (12,80:12,65) beziehungsweise gegen Maximilian Henning (13,65:12,30) gewann, was die beiden Gäste zum Anlass nahmen, eilig etliche Geräte zu umkurven und ihrem Bezwinger mit Handschlag und kleiner Verbeugung zu gratulieren.

 

Tomoya Kashiwagi ergatterte 22 Scorepunkte, mithin mehr als die Hälfte seiner Riege, und erhielt mit 14,25 am Sprung auch die höchste Wertung. Marvin Rauprich mit einem blitzsauberen Sechskampf und Karl-Ole Gäbler (je 6), Lorenz Steckel (5), Shimon Aoki (3) sowie Joel Schauwienold (1) punkteten ebenfalls. Kashiwagi ist nach fünf Wettkämpfen mit 95 Scorepunkten bester Turner der 2. Liga Süd, Maximilian Henning aus Ries liegt mit 52 Punkten auf Rang fünf.

 

KTG Heidelberg - KTV Ries 43:23 Scorepunkte, 9:3 Gerätepunkte, 301,25:291,65 Wettkampfpunkte, Boden: Marvin Rauprich - Euan Cox 0:2, Karl-Ole Gäbler - Lukas Leonhardt 5:0, Tomoya Kashiwagi - Lucas Buschmann 4:0, Joel Schauwienold - Justus König 1:0 = 10:2.

Seitpferd: Gäbler - Buschmann 0:2, Kashiwagi - Leonhardt 3:0, Shimon Aoki - Maximilian Henning 0:1, Rauprich - Cox 0:0 = 3:3.

Ringe: Lorenz Steckel - Buschmann 0:3, Rauprich - Henning 0:4, Carl Steckel - Cox 0:3, Kashiwagi - Sven König 5:0 = 5:10.

Sprung: Aoki - Henning 0:4, L. Steckel - Buschmann 2:0, Rauprich - Cox 2:0, Kashiwagi - S. König 5:0 = 9:4.

Barren: L. Steckel - Buschmann 3:0, Rauprich - Henning 1:0, Kashiwagi - Cox 1:0, Aoki - Gustav Kern 3:0 = 8:0.

Reck: Kashiwagi - Henning 4:0, C. Steckel - Buschmann 0:4, Rauprich - Kern 3:0, Gäbler - Cox 1:0 = 8:4.

 

Die KTG Heidelberg bleibt Zweitligist, stehend v. l. n. r.: Co-Trainer Moritz Ehrhardt, Trainer Michael Wilhelm, Lorenz Steckel, Marvin Rauprich, Daniel Morres, Physiotherapeutin Jenny Stein und Co-Trainer Oleksandr Babenko; knieend v.l.n.r.: Shimon Aoki, Carl Steckel, Joel Schauwienold, Tomoya Kashiwagi und Karl-Ole Gäbler. Foto: Klaus Kreutz

Freitag, 7. Oktober 2022

"Im Paradies" ist da!

Doch, doch, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, es ist wirklich reiner Zufall, dass mein neues Buch an dem Tag erschienen ist, an dem der Literatur-Nobelpreis 2022 verliehen wurde. "Im Paradies - Eine Kindheit in Neuenheim" schildert auf 80 reich bebilderten Seiten und in acht Kapiteln das wilde Leben der Kinder in Heidelberg-Neuenheim der frühen 1960-er Jahre.


Das Buch gibt es für 15 Euro in der Buchhandlung Schmitt & Hahn (Brückenstr. 7) und bei Zeitschriften Hillenbrand (Brückenstr. 7) in Neuenheim sowie bei der Rhein-Neckar-Zeitung (Neugasse 2) in der Stadtmitte.

Ihre Bestellungen richten Sie bitte an clauspeterbach@gmail.com - Sie erhalten das Buch sodann per Post und mit Rechnung (15 Euro zuzüglich 3 Euro Versandkosten).

Außerdem  verfügbar: "Zwischenrufe eines Papageis".

Ich wünsche Ihnen ein Lesevergnügen! 
Ihr Claus-Peter Bach

Sonntag, 4. September 2022

„Die Olympischen Spiele hätten sofort abgebrochen werden müssen“

Über den Überfall des „Schwarzen September“ 1972 auf Israels Olympiamannschaft

 

Für Dietrich Keller (78) war es „ein Unding“. „Man hätte die Spiele sofort abbrechen müssen“, sagt Günter Glasauer (74). „Ich bin gleich heimgefahren“, erinnert sich Günter Haritz (73). Bei diesen drei Heidelberger Athleten stieß es auf völliges Unverständnis, dass Avery Brundage, der US-amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), am Tag nach dem Überfall der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 bei der Trauerfeier im Münchener Olympiastadion erklärte: „The games must go on!“

 

Alle elf israelischen Geiseln und während der missglückten abendlichen Befreiungsaktion auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck auch ein bayerischer Polizist sind von den Terroristen getötet worden, ehe diese von den Sicherheitskräften erschossen wurden.

 

Günter Haritz, der Weltmeister von 1970 und 1973 und Europameister von 1974 und 1976, betreibt seit Jahrzehnten ein Fahrradgeschäft in Leimen und hat die Trauerfeier vor dem heimischen Fernseher erlebt. Am Abend des 4. September hatte der für Badenia Sandhausen fahrende Haritz mit Jürgen Colombo (Stuttgart), Udo Hempel (Büttgen) und Günther Schumacher (Berlin) den Endlauf in der 4000-m-Mannschaftsverfolgung gegen die DDR und die Goldmedaille gewonnen. Der Bahn-Vierer, für den im Viertelfinale gegen Polen der Berliner Peter Vonhof anstelle Hempels fahren durfte, wurde von Bundestrainer Gustav Kilian betreut, den die Zeitgenossen in Anlehnung an Hans Falladas berühmten Roman den „Eisernen Gustav“ nannten. „Wir haben sie beinahe überrundet“, antwortet Günter Haritz auf die Frage nach der Überlegenheit des BRD-Vierers im Olympia-Endlauf „in diesem herrlichen Radstadion, das leider abgerissen wurde.“ Die hölzerne Bahn und die Zuschauerränge waren überdacht, doch in der Mitte war das Stadion offen, so dass die Deutschen aus West und Ost bei der Siegerehrung und der Überreichung der Medaillen durch Avery Brundage die Sterne am Abendhimmel funkeln sahen.

 

„Wir sind dann noch schnell eine Ehrenrunde gelaufen, haben uns geduscht und umgezogen und sind gegen 0.30 Uhr in Schwabing eingetroffen, um unseren Sieg zu begießen. Leider waren wir zu spät, die Kneipen schon geschlossen. Als wir einem Wirt begreiflich machen konnten, dass wir gerade Olympiasieger geworden waren, hatte er ein Einsehen und gab uns was zu trinken“, erinnert sich Günter Haritz an die Hektik nach dem Sieg.

 


Die Goldjungen haben die Nacht bei ihren Frauen und Freundinnen in Hotels verbracht, und als sie am nächsten Morgen zurück in ihre Unterkunft im Olympischen Dorf wollten, war dieses hermetisch abgesperrt. „Wir haben von den Polizisten erfahren, was geschehen war, und durften erst hinein, als wir unsere Goldmedaillen vorzeigten. Wir konnten die bewaffneten Palästinenser beobachten. Ich habe Angst bekommen und bin mit meiner Frau sofort nach Hause gefahren“, fanden die so erfolgreichen Spiele für Günter Haritz ein jähes Ende.

 

Später machte sich Haritz als Sechs-Tage-König einen Namen und gewann mit Felice Gimondi, Bernard Hinault, René Pijnen, Patrick Sercu, Bernard Thévenet und Dietrich Thurau elf von 68 Six Days. Bei der Spanien-Rundfahrt trug er vier Tage lang das Rote Trikot des Führenden.

 

Weniger triumphal verlief Olympia 1972 für „Didi“ Keller. Der 2,10 Meter große Center war soeben vom deutschen Meister Leverkusen zum USC Heidelberg gewechselt, mit dem er den Titel 1973 und 1977 gewann. Der Mainzer Bundestrainer Theodor Schober hatte das baumlange Bewegungswunder in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt entdeckt, gefördert und in den Olympiakader berufen. „Torry“ Schober, ein ehemaliger USC-Meisterspieler, hatte Platz zehn als Ziel ausgegeben, am Ende sprang Rang zwölf für die Deutschen heraus, die erstmals seit Berlin 1936 an einem olympischen Basketball-Turnier teilnahmen und den 52:51-Finalsieg der Sowjetunion gegen die USA miterlebten.

 

„Natürlich war Olympia für uns alle das größte Ereignis unserer Laufbahn, allerdings habe ich sportlich schönere erlebt“, erinnert sich „Didi“ Keller, später 40 Jahre lang Lehrer an der Julius-Springer-Schule in Heidelberg. Er bestritt 98 Länderspiele, konnte in München aber nur vier Mal eingesetzt werden. „Im dritten Spiel, beim 93:74-Sieg gegen die Philippinen, habe ich das Knie eines Gegners am Oberschenkel gespürt und einen Muskelfaserriss erlitten. Erst im letzten Spiel, beim 69:70 gegen Australien, konnte ich in der letzten Minute nochmals mitspielen“, bedauert Keller, der es „echt schlimm“ fand, acht Tage lang tatenlos zusehen zu müssen.

 

Die „Katastrophe“, wie Keller den Terrorakt nennt, der rund 60 Meter von den Zimmern der deutschen Korbjäger entfernt geschah, hat „uns völlig demoralisiert. Danach ging nichts mehr. Und das IOC konnten wir überhaupt nicht verstehen“, sagt „Didi“ Keller.

 

Dessen Vereinskamerad Dr. Günter Glasauer nahm als Speerwerfer an den Olympischen Spielen in München teil, lebt mit seiner Ehefrau Dorothea Thimm, einer ehemaligen Studentin aus der Heidelberger Ingrimstraße und Apothekerin in Speyer, in Tulbingerkogel im Wienerwald und hat kürzlich „völlig begeistert“ die European Championships in München verfolgt. Der Schützling von Bundestrainer Hermann Rieder und USC-Trainer Atef Ismail war aus Wetzlar als Student nach Heidelberg gekommen, 1972 Dritter der deutschen Meisterschaft und spielte ab 1974 nach verletzungsbedingter Beendigung seiner Werfer-Karriere für den USC in der Basketball-Bundesliga – neben „Didi“ Keller.

 

Nachdem der Geografie- und Sportstudent bei einem Länderkampf gegen Ungarn 1972 seine persönliche Bestweite von 80,88 Metern erzielt hatte, warf er bei einem Qualifikationswettkampf 79,94 Meter – sechs Zentimeter zu wenig.

 

„Daraufhin setzte sich Atef, der mich in jedem Training betreut und beraten hatte, unwahrscheinlich bei den Offiziellen des Verbandes ein, was zu meiner Nominierung führte“, ist Glasauer seinem heute gesund und munter mit 89 Jahren in Kairo lebenden Trainer ewig dankbar. In München freilich schmerzte der Wurfarm wieder sehr, und 73,12 Meter reichten nur zu Platz neun im Vorkampf, weshalb Günter Glasauer das Speerwurf-Finale und den „Goldenen Sonntag“ der deutschen Leichtathletik auf der Tribüne erlebten musste.

 

Nach Bernd Kannenberg (Fürth, † 2021) im 50-km-Gehen und der Hannoveranerin Hildegard Falck über 800 Meter gewann Glasauers Disziplinkollege Klaus Wolfermann aus Altdorf bei Nürnberg mit Trainer Hermann Rieder vom USC Heidelberg mit 90,48 Metern die Goldmedaille – drei deutsche Olympiasiege an einem Nachmittag blieben im Gedächtnis. Der lettische Weltrekordler Janis Lusis, mit dem Günter Glasauer „drei Mal vom Training ins Dorf zurücklief und sich prima auf Englisch unterhielt“, war knapp geschlagen.

 

„Man hätte die Spiele sofort abbrechen müssen. Nach einem so schrecklichen Ereignis würde das heute jedenfalls passieren“, ist sich Günter Glasauer, der gerade den Jagdschein erworben, aber noch kein Tier erlegt hat, sicher.

 

Angesichts der Zustände im IOC 2022 möchte man ernste Zweifel anmelden.

Samstag, 13. August 2022

„Der größte Star ist seit 1883 tot“

Begegnung mit Dirigent Christian Thielemann in Bayreuth

Christian Thielemann, geboren am 1. April 1959 in Berlin-Wilmersdorf, ist Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der renommierteste Orchesterleiter in Deutschland. Bei den 110. Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth hat der in Potsdam-Babelsberg lebende Porsche-Fahrer seit 2000 alle zehn Wagner-Werke dirigiert, die nach dem Willen des Komponisten (1813 – 1883) im Festspielhaus gespielt werden dürfen. Dies war zuvor nur dem Österreicher Felix Mottl (1856 – 1911) vergönnt, der sich ab 1880 als Hofkapellmeister in Karlsruhe einen Namen gemacht hatte.

Freunde treffen Freunde“ heißt eine Veranstaltungsreihe des Vereins „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“. Kürzlich war Christian Thielemann im Saal der Pianoforte-Fabrik Steingräber in Bayreuth zu Gast und gab Einblicke in sein Leben und Schaffen.

Christian Thielemann, Sohn einer Apothekerin und eines leitenden Angestellten in der Stahlindustrie, nahm ab dem fünften Lebensjahr Klavierunterricht und studierte Bratsche. „Der Bratsche bin ich nach wie vor sehr zugeneigt. Sie verleiht den Mittelstimmen eines Orchesters Würze“, sagt Thielemann, der seit 2018 in Bayreuth den „Lohengrin“ dirigiert und der von der internationalen Musikkritik für den idealen Klang der Streicher hoch gelobt wird. Sein „Lohengrin“ erfüllt unter allen Aspekten – Sängerinnen und Sänger, Dirigat, Orchester, Chor, Bühne und Kostüme – Bayreuths Anspruch, Weltklasse zu bieten.

Am Tag nach dem Gespräch im Steingräberhaus dirigierte Christian Thielemann zum 181. Mal im Festspielhaus. Sein Anspruch, mit seinen Musikerinnen und Musikern stets im Bestform zu sein, bedeutet für ihn: „Heute Abend kein Bier, kein Wein und früh zu Bett.“ Nur dann könne man die Belastung im verdeckten Orchestergraben durchstehen: „Das Orchester leistet Übermenschliches. Wenn draußen über 30 Grad herrschen, haben wir unten locker 37 Grad, und alle außer den Bläsern müssen Corona-Masken tragen, weil wir so eng beieinander sitzen und uns vor Infektionen schützen müssen. Das heißt natürlich: Die Säfte auffüllen und ganz viel Wasser trinken.“ Bekanntlich tragen die Musizierenden im Festspielhaus nicht Kleid, Anzug, Schlips und Kragen, sondern T-Shirts und kurze Hosen.

Das von Richard Wagner konstruierte Festspielhaus, eine einem Geigenkorpus nachempfundene Holzkonstruktion, ein weltweit einzigartiger Klangkörper, hat es Christian Thielemann, der seine Laufbahn 1978 als Assistent Herbert von Karajans bei den Berliner Philharmonikern und als Korrepetitor an der Deutschen Oper in der Berliner Bismarckstraße begonnen hat, besonders angetan. „Aber: Der Klang ist bei jeder Inszenierung ein bisschen anders. Es kommt darauf an, wie inszeniert wird und was die Bühnenbildner alles aufbauen.“ Der Orchesterklang soll aus dem Graben zur Rückwand der Bühne gehen, dort abprallen und über die Bühne, vermischt mit den Sängerstimmen und dem Chorgesang, zurück in den Zuschauerraum wandern, wo knapp 2000 Besucherinnen und Besucher den einzigartigen Klang genießen möchten. Das heißt: Das Orchester muss mit jedem Ton ein wenig früher dran sein als die Singenden. Nur dann kommen Musik und Gesang gemeinsam, kommt Harmonie im riesigen Geigenkörper an.

Wolfgang Wagner (1919 – 2010), Richard Wagners Enkel, Opernregisseur und bis 2008 Festspielleiter in Bayreuth, hat Christian Thielemann auf seine väterliche Art viele nützliche Tipps gegeben, um mit den Tücken des Hauses zurechtzukommen. 2000 vertraute Wolfgang Wagner ihm seine Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ an und hielt sich bei den Proben meistens unsichtbar hinter der Bühne auf. „Zu laut!“ oder „zu langsam!“ schallte es aus dem Dunkel, denn Wolfgang Wagner war ein strenger Chef, der den guten Rat gab, „nicht langsam oder schnell, sondern flüssig zu dirigieren. Durch seine Tipps habe ich mich nie in meiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt oder gekränkt gefühlt. Die Verführung, mit Wagners Musik im Graben zu baden, ist in der Tat groß“, bekennt Christian Thielemann, der sich an explizit lobende Worte aus Wolfgang Wagners Mund allerdings kaum erinnern kann: „Er hat uns engagiert, damit wir gemeinsam Erfolg haben. Gelobt hat er selten. Als ihm mal etwas Anerkennendes herausgerutscht ist, hat Katharina gejammert: Mich lobt Papa nie!“

Die Opernregisseurin Katharina Wagner, Jahrgang 1978, ist Wolfgang Wagners Tochter, Urenkelin Richard Wagners und Ururenkelin Franz Liszts. Sie ist seit 2008 Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele. Von 2015 bis 2020 hatte sie Christian Thielemann als musikalischen Direktor engagiert.

Was den Klang anbelangt, macht Christian Thielemann darauf aufmerksam, dass das Live-Erlebnis im Festspielhaus grundlegend anders ist als eine Radio-Übertragung: „Das Festspielhaus ist ein akustisch einmaliger Ort. Die Übertragungen klingen viel gedämpfter, besonders in früheren Jahren, als nur ein Mikrofon im Zuschauerraum hing.“

Thielemann macht sehr deutlich, dass er überhaupt nichts vom Auswendig-Dirigieren hält. „Da man Orchester und Dirigent im Festspielhaus überhaupt nicht sehen kann, ist es ganz normal, mit der Partitur zu dirigieren. Auswendig dirigieren ist Schnickschnack, völliger Mist, auf den man in Bayreuth wirklich verzichten kann“, sagt Thielemann und fügt hinzu: „Natürlich muss man das Stück intus haben. Bayreuth ist für jeden Dirigenten der Lackmustest. Kann ich das? Kommt das rüber?“ Jede Aufführung sei eine neue Herausforderung, man sei jedes Mal gezwungen, mit einer neuen Version zu bestehen. „So wie immer – das darf es in Bayreuth nicht geben“, sagt Christian Thielemann, der während des Dirigats ganz genau spürt, wie das Publikum reagiert. „Manchmal sind die Leute so ergriffen, dass absolute Stille herrscht und nicht einmal das leiseste Hüsteln zu vernehmen ist.“ Das empfindet Christian Thielemann als Glücksmoment, doch auch gegen heftige Zuschauerbekundungen am Ende einer Oper hat er nichts einzuwenden. Er lacht: „Dann ist endlich mal Stimmung in der Bude. Es ist doch schön, wenn die Leute später im ,Wolffenzacher‘ oder in der ,Eule‘ über uns diskutieren.“

Nach den „Meistersingern von Nürnberg“ 2000 übernahm Christian Thielemann in Bayreuth die musikalische Leitung von „Parsifal“ 2001, „Tannhäuser“ 2002, der vier Opern des „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Tankred Dorst 2006, des „Fliegenden Holländer“ 2012, „Tristan und Isolde“ 2015 und „Lohengrin“ 2018. 2023 wird es Festspiele ohne Christian Thielemann geben, der das Dirigat eines neuen „Parsifal“ ablehnen musste. „Das ist keine Entscheidung gegen Bayreuth, sondern meiner Verpflichtung in Dresden geschuldet.“

Die Sächsische Staatskapelle, 1548 von Kurfürst Moritz gegründet, wird im nächsten Jahr 475 Jahre alt und als eines der führenden Klangkörper der Welt aus Anlass des Jubiläums eine große Tournee unternehmen. „Ich mochte es keinem Kollegen zumuten, nur für ein Jahr verpflichtet zu werden“, sagt Christian Thielemann, der immer auch an der Auswahl der Interpreten und Musiker mitwirken möchte: „Die Sängerbesetzung muss stimmen, auf Qualität muss man achten. Was ich zu verantworten habe, habe ich zu verantworten. Meinen Beruf nehme ich sehr ernst“, betont er – und dabei lacht er nicht.

Zu seinen Kolleginnen und Kollegen pflegt Christian Thielemann gerne ein freundschaftliches Verhältnis. „Ich besuche aber keine Proben anderer Dirigenten mehr, denn das könnte als Einmischung, als Störung empfunden werden.“ Er besucht aber Konzerte – etwa von Daniel Barenboim, Andris Nelsons oder Herbert Blomstedt. „Da geht man gerne hin, man muss sich ja auch bilden.“ Für Eifersüchteleien in der Musikszene hat er keinerlei Verständnis: „Wenn jemand eifersüchtig ist, hat er nicht genug Arbeit“. Jetzt lacht er wieder.

In seiner Freizeit entspannt er sich nicht mit Wagners Musik: „Ich höre eher BAP, Orgelkonzerte oder Klaviermusik mit Vladimir Horowitz und Artur Rubinstein.“ Mit Orchestern arbeitet Christian Thielemann bevorzugt langfristig zusammen, auch um ganz genau deren Eigenheiten erfahren zu können. „Die Klangtradition eines Orchesters sollte vererbt werden. Darauf achten oft die älteren Musiker, die ihre Tipps an die Jüngeren weitergeben. Wenn die Überlieferung der Traditionen abreißt, gehen diese verloren. Orchester können dann ihre Attraktivität, ihre Einzigartigkeit verlieren“, sagt Thielemann und erläutert: „Man geht ja auch nur in Restaurants, in denen es schmeckt“.

Nach dem „Lohengrin“ mit Christian Thielemann gingen wir zum Abendessen in die „Eule“. Dort hat es schon Richard Wagners Sohn Siegfried (1869 – 1930) geschmeckt. Zur eigenen Bedeutung in der Geschichte der Bayreuther Festspiele sagt Christian Thielemann, einer der Titanen am Pult, mit feinem Lächeln: „Der größte Star ist seit 1883 tot. Wir kommen nur wegen ihm hierher.“


Weltstar im geringelten Polohemd: Christian Thielemann 2022 im Steingräberhaus. Foto: CPB