Sonntag, 4. September 2022

„Die Olympischen Spiele hätten sofort abgebrochen werden müssen“

Über den Überfall des „Schwarzen September“ 1972 auf Israels Olympiamannschaft

 

Für Dietrich Keller (78) war es „ein Unding“. „Man hätte die Spiele sofort abbrechen müssen“, sagt Günter Glasauer (74). „Ich bin gleich heimgefahren“, erinnert sich Günter Haritz (73). Bei diesen drei Heidelberger Athleten stieß es auf völliges Unverständnis, dass Avery Brundage, der US-amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), am Tag nach dem Überfall der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 bei der Trauerfeier im Münchener Olympiastadion erklärte: „The games must go on!“

 

Alle elf israelischen Geiseln und während der missglückten abendlichen Befreiungsaktion auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck auch ein bayerischer Polizist sind von den Terroristen getötet worden, ehe diese von den Sicherheitskräften erschossen wurden.

 

Günter Haritz, der Weltmeister von 1970 und 1973 und Europameister von 1974 und 1976, betreibt seit Jahrzehnten ein Fahrradgeschäft in Leimen und hat die Trauerfeier vor dem heimischen Fernseher erlebt. Am Abend des 4. September hatte der für Badenia Sandhausen fahrende Haritz mit Jürgen Colombo (Stuttgart), Udo Hempel (Büttgen) und Günther Schumacher (Berlin) den Endlauf in der 4000-m-Mannschaftsverfolgung gegen die DDR und die Goldmedaille gewonnen. Der Bahn-Vierer, für den im Viertelfinale gegen Polen der Berliner Peter Vonhof anstelle Hempels fahren durfte, wurde von Bundestrainer Gustav Kilian betreut, den die Zeitgenossen in Anlehnung an Hans Falladas berühmten Roman den „Eisernen Gustav“ nannten. „Wir haben sie beinahe überrundet“, antwortet Günter Haritz auf die Frage nach der Überlegenheit des BRD-Vierers im Olympia-Endlauf „in diesem herrlichen Radstadion, das leider abgerissen wurde.“ Die hölzerne Bahn und die Zuschauerränge waren überdacht, doch in der Mitte war das Stadion offen, so dass die Deutschen aus West und Ost bei der Siegerehrung und der Überreichung der Medaillen durch Avery Brundage die Sterne am Abendhimmel funkeln sahen.

 

„Wir sind dann noch schnell eine Ehrenrunde gelaufen, haben uns geduscht und umgezogen und sind gegen 0.30 Uhr in Schwabing eingetroffen, um unseren Sieg zu begießen. Leider waren wir zu spät, die Kneipen schon geschlossen. Als wir einem Wirt begreiflich machen konnten, dass wir gerade Olympiasieger geworden waren, hatte er ein Einsehen und gab uns was zu trinken“, erinnert sich Günter Haritz an die Hektik nach dem Sieg.

 


Die Goldjungen haben die Nacht bei ihren Frauen und Freundinnen in Hotels verbracht, und als sie am nächsten Morgen zurück in ihre Unterkunft im Olympischen Dorf wollten, war dieses hermetisch abgesperrt. „Wir haben von den Polizisten erfahren, was geschehen war, und durften erst hinein, als wir unsere Goldmedaillen vorzeigten. Wir konnten die bewaffneten Palästinenser beobachten. Ich habe Angst bekommen und bin mit meiner Frau sofort nach Hause gefahren“, fanden die so erfolgreichen Spiele für Günter Haritz ein jähes Ende.

 

Später machte sich Haritz als Sechs-Tage-König einen Namen und gewann mit Felice Gimondi, Bernard Hinault, René Pijnen, Patrick Sercu, Bernard Thévenet und Dietrich Thurau elf von 68 Six Days. Bei der Spanien-Rundfahrt trug er vier Tage lang das Rote Trikot des Führenden.

 

Weniger triumphal verlief Olympia 1972 für „Didi“ Keller. Der 2,10 Meter große Center war soeben vom deutschen Meister Leverkusen zum USC Heidelberg gewechselt, mit dem er den Titel 1973 und 1977 gewann. Der Mainzer Bundestrainer Theodor Schober hatte das baumlange Bewegungswunder in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt entdeckt, gefördert und in den Olympiakader berufen. „Torry“ Schober, ein ehemaliger USC-Meisterspieler, hatte Platz zehn als Ziel ausgegeben, am Ende sprang Rang zwölf für die Deutschen heraus, die erstmals seit Berlin 1936 an einem olympischen Basketball-Turnier teilnahmen und den 52:51-Finalsieg der Sowjetunion gegen die USA miterlebten.

 

„Natürlich war Olympia für uns alle das größte Ereignis unserer Laufbahn, allerdings habe ich sportlich schönere erlebt“, erinnert sich „Didi“ Keller, später 40 Jahre lang Lehrer an der Julius-Springer-Schule in Heidelberg. Er bestritt 98 Länderspiele, konnte in München aber nur vier Mal eingesetzt werden. „Im dritten Spiel, beim 93:74-Sieg gegen die Philippinen, habe ich das Knie eines Gegners am Oberschenkel gespürt und einen Muskelfaserriss erlitten. Erst im letzten Spiel, beim 69:70 gegen Australien, konnte ich in der letzten Minute nochmals mitspielen“, bedauert Keller, der es „echt schlimm“ fand, acht Tage lang tatenlos zusehen zu müssen.

 

Die „Katastrophe“, wie Keller den Terrorakt nennt, der rund 60 Meter von den Zimmern der deutschen Korbjäger entfernt geschah, hat „uns völlig demoralisiert. Danach ging nichts mehr. Und das IOC konnten wir überhaupt nicht verstehen“, sagt „Didi“ Keller.

 

Dessen Vereinskamerad Dr. Günter Glasauer nahm als Speerwerfer an den Olympischen Spielen in München teil, lebt mit seiner Ehefrau Dorothea Thimm, einer ehemaligen Studentin aus der Heidelberger Ingrimstraße und Apothekerin in Speyer, in Tulbingerkogel im Wienerwald und hat kürzlich „völlig begeistert“ die European Championships in München verfolgt. Der Schützling von Bundestrainer Hermann Rieder und USC-Trainer Atef Ismail war aus Wetzlar als Student nach Heidelberg gekommen, 1972 Dritter der deutschen Meisterschaft und spielte ab 1974 nach verletzungsbedingter Beendigung seiner Werfer-Karriere für den USC in der Basketball-Bundesliga – neben „Didi“ Keller.

 

Nachdem der Geografie- und Sportstudent bei einem Länderkampf gegen Ungarn 1972 seine persönliche Bestweite von 80,88 Metern erzielt hatte, warf er bei einem Qualifikationswettkampf 79,94 Meter – sechs Zentimeter zu wenig.

 

„Daraufhin setzte sich Atef, der mich in jedem Training betreut und beraten hatte, unwahrscheinlich bei den Offiziellen des Verbandes ein, was zu meiner Nominierung führte“, ist Glasauer seinem heute gesund und munter mit 89 Jahren in Kairo lebenden Trainer ewig dankbar. In München freilich schmerzte der Wurfarm wieder sehr, und 73,12 Meter reichten nur zu Platz neun im Vorkampf, weshalb Günter Glasauer das Speerwurf-Finale und den „Goldenen Sonntag“ der deutschen Leichtathletik auf der Tribüne erlebten musste.

 

Nach Bernd Kannenberg (Fürth, † 2021) im 50-km-Gehen und der Hannoveranerin Hildegard Falck über 800 Meter gewann Glasauers Disziplinkollege Klaus Wolfermann aus Altdorf bei Nürnberg mit Trainer Hermann Rieder vom USC Heidelberg mit 90,48 Metern die Goldmedaille – drei deutsche Olympiasiege an einem Nachmittag blieben im Gedächtnis. Der lettische Weltrekordler Janis Lusis, mit dem Günter Glasauer „drei Mal vom Training ins Dorf zurücklief und sich prima auf Englisch unterhielt“, war knapp geschlagen.

 

„Man hätte die Spiele sofort abbrechen müssen. Nach einem so schrecklichen Ereignis würde das heute jedenfalls passieren“, ist sich Günter Glasauer, der gerade den Jagdschein erworben, aber noch kein Tier erlegt hat, sicher.

 

Angesichts der Zustände im IOC 2022 möchte man ernste Zweifel anmelden.

Samstag, 13. August 2022

„Der größte Star ist seit 1883 tot“

Begegnung mit Dirigent Christian Thielemann in Bayreuth

Christian Thielemann, geboren am 1. April 1959 in Berlin-Wilmersdorf, ist Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der renommierteste Orchesterleiter in Deutschland. Bei den 110. Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth hat der in Potsdam-Babelsberg lebende Porsche-Fahrer seit 2000 alle zehn Wagner-Werke dirigiert, die nach dem Willen des Komponisten (1813 – 1883) im Festspielhaus gespielt werden dürfen. Dies war zuvor nur dem Österreicher Felix Mottl (1856 – 1911) vergönnt, der sich ab 1880 als Hofkapellmeister in Karlsruhe einen Namen gemacht hatte.

Freunde treffen Freunde“ heißt eine Veranstaltungsreihe des Vereins „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“. Kürzlich war Christian Thielemann im Saal der Pianoforte-Fabrik Steingräber in Bayreuth zu Gast und gab Einblicke in sein Leben und Schaffen.

Christian Thielemann, Sohn einer Apothekerin und eines leitenden Angestellten in der Stahlindustrie, nahm ab dem fünften Lebensjahr Klavierunterricht und studierte Bratsche. „Der Bratsche bin ich nach wie vor sehr zugeneigt. Sie verleiht den Mittelstimmen eines Orchesters Würze“, sagt Thielemann, der seit 2018 in Bayreuth den „Lohengrin“ dirigiert und der von der internationalen Musikkritik für den idealen Klang der Streicher hoch gelobt wird. Sein „Lohengrin“ erfüllt unter allen Aspekten – Sängerinnen und Sänger, Dirigat, Orchester, Chor, Bühne und Kostüme – Bayreuths Anspruch, Weltklasse zu bieten.

Am Tag nach dem Gespräch im Steingräberhaus dirigierte Christian Thielemann zum 181. Mal im Festspielhaus. Sein Anspruch, mit seinen Musikerinnen und Musikern stets im Bestform zu sein, bedeutet für ihn: „Heute Abend kein Bier, kein Wein und früh zu Bett.“ Nur dann könne man die Belastung im verdeckten Orchestergraben durchstehen: „Das Orchester leistet Übermenschliches. Wenn draußen über 30 Grad herrschen, haben wir unten locker 37 Grad, und alle außer den Bläsern müssen Corona-Masken tragen, weil wir so eng beieinander sitzen und uns vor Infektionen schützen müssen. Das heißt natürlich: Die Säfte auffüllen und ganz viel Wasser trinken.“ Bekanntlich tragen die Musizierenden im Festspielhaus nicht Kleid, Anzug, Schlips und Kragen, sondern T-Shirts und kurze Hosen.

Das von Richard Wagner konstruierte Festspielhaus, eine einem Geigenkorpus nachempfundene Holzkonstruktion, ein weltweit einzigartiger Klangkörper, hat es Christian Thielemann, der seine Laufbahn 1978 als Assistent Herbert von Karajans bei den Berliner Philharmonikern und als Korrepetitor an der Deutschen Oper in der Berliner Bismarckstraße begonnen hat, besonders angetan. „Aber: Der Klang ist bei jeder Inszenierung ein bisschen anders. Es kommt darauf an, wie inszeniert wird und was die Bühnenbildner alles aufbauen.“ Der Orchesterklang soll aus dem Graben zur Rückwand der Bühne gehen, dort abprallen und über die Bühne, vermischt mit den Sängerstimmen und dem Chorgesang, zurück in den Zuschauerraum wandern, wo knapp 2000 Besucherinnen und Besucher den einzigartigen Klang genießen möchten. Das heißt: Das Orchester muss mit jedem Ton ein wenig früher dran sein als die Singenden. Nur dann kommen Musik und Gesang gemeinsam, kommt Harmonie im riesigen Geigenkörper an.

Wolfgang Wagner (1919 – 2010), Richard Wagners Enkel, Opernregisseur und bis 2008 Festspielleiter in Bayreuth, hat Christian Thielemann auf seine väterliche Art viele nützliche Tipps gegeben, um mit den Tücken des Hauses zurechtzukommen. 2000 vertraute Wolfgang Wagner ihm seine Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ an und hielt sich bei den Proben meistens unsichtbar hinter der Bühne auf. „Zu laut!“ oder „zu langsam!“ schallte es aus dem Dunkel, denn Wolfgang Wagner war ein strenger Chef, der den guten Rat gab, „nicht langsam oder schnell, sondern flüssig zu dirigieren. Durch seine Tipps habe ich mich nie in meiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt oder gekränkt gefühlt. Die Verführung, mit Wagners Musik im Graben zu baden, ist in der Tat groß“, bekennt Christian Thielemann, der sich an explizit lobende Worte aus Wolfgang Wagners Mund allerdings kaum erinnern kann: „Er hat uns engagiert, damit wir gemeinsam Erfolg haben. Gelobt hat er selten. Als ihm mal etwas Anerkennendes herausgerutscht ist, hat Katharina gejammert: Mich lobt Papa nie!“

Die Opernregisseurin Katharina Wagner, Jahrgang 1978, ist Wolfgang Wagners Tochter, Urenkelin Richard Wagners und Ururenkelin Franz Liszts. Sie ist seit 2008 Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele. Von 2015 bis 2020 hatte sie Christian Thielemann als musikalischen Direktor engagiert.

Was den Klang anbelangt, macht Christian Thielemann darauf aufmerksam, dass das Live-Erlebnis im Festspielhaus grundlegend anders ist als eine Radio-Übertragung: „Das Festspielhaus ist ein akustisch einmaliger Ort. Die Übertragungen klingen viel gedämpfter, besonders in früheren Jahren, als nur ein Mikrofon im Zuschauerraum hing.“

Thielemann macht sehr deutlich, dass er überhaupt nichts vom Auswendig-Dirigieren hält. „Da man Orchester und Dirigent im Festspielhaus überhaupt nicht sehen kann, ist es ganz normal, mit der Partitur zu dirigieren. Auswendig dirigieren ist Schnickschnack, völliger Mist, auf den man in Bayreuth wirklich verzichten kann“, sagt Thielemann und fügt hinzu: „Natürlich muss man das Stück intus haben. Bayreuth ist für jeden Dirigenten der Lackmustest. Kann ich das? Kommt das rüber?“ Jede Aufführung sei eine neue Herausforderung, man sei jedes Mal gezwungen, mit einer neuen Version zu bestehen. „So wie immer – das darf es in Bayreuth nicht geben“, sagt Christian Thielemann, der während des Dirigats ganz genau spürt, wie das Publikum reagiert. „Manchmal sind die Leute so ergriffen, dass absolute Stille herrscht und nicht einmal das leiseste Hüsteln zu vernehmen ist.“ Das empfindet Christian Thielemann als Glücksmoment, doch auch gegen heftige Zuschauerbekundungen am Ende einer Oper hat er nichts einzuwenden. Er lacht: „Dann ist endlich mal Stimmung in der Bude. Es ist doch schön, wenn die Leute später im ,Wolffenzacher‘ oder in der ,Eule‘ über uns diskutieren.“

Nach den „Meistersingern von Nürnberg“ 2000 übernahm Christian Thielemann in Bayreuth die musikalische Leitung von „Parsifal“ 2001, „Tannhäuser“ 2002, der vier Opern des „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Tankred Dorst 2006, des „Fliegenden Holländer“ 2012, „Tristan und Isolde“ 2015 und „Lohengrin“ 2018. 2023 wird es Festspiele ohne Christian Thielemann geben, der das Dirigat eines neuen „Parsifal“ ablehnen musste. „Das ist keine Entscheidung gegen Bayreuth, sondern meiner Verpflichtung in Dresden geschuldet.“

Die Sächsische Staatskapelle, 1548 von Kurfürst Moritz gegründet, wird im nächsten Jahr 475 Jahre alt und als eines der führenden Klangkörper der Welt aus Anlass des Jubiläums eine große Tournee unternehmen. „Ich mochte es keinem Kollegen zumuten, nur für ein Jahr verpflichtet zu werden“, sagt Christian Thielemann, der immer auch an der Auswahl der Interpreten und Musiker mitwirken möchte: „Die Sängerbesetzung muss stimmen, auf Qualität muss man achten. Was ich zu verantworten habe, habe ich zu verantworten. Meinen Beruf nehme ich sehr ernst“, betont er – und dabei lacht er nicht.

Zu seinen Kolleginnen und Kollegen pflegt Christian Thielemann gerne ein freundschaftliches Verhältnis. „Ich besuche aber keine Proben anderer Dirigenten mehr, denn das könnte als Einmischung, als Störung empfunden werden.“ Er besucht aber Konzerte – etwa von Daniel Barenboim, Andris Nelsons oder Herbert Blomstedt. „Da geht man gerne hin, man muss sich ja auch bilden.“ Für Eifersüchteleien in der Musikszene hat er keinerlei Verständnis: „Wenn jemand eifersüchtig ist, hat er nicht genug Arbeit“. Jetzt lacht er wieder.

In seiner Freizeit entspannt er sich nicht mit Wagners Musik: „Ich höre eher BAP, Orgelkonzerte oder Klaviermusik mit Vladimir Horowitz und Artur Rubinstein.“ Mit Orchestern arbeitet Christian Thielemann bevorzugt langfristig zusammen, auch um ganz genau deren Eigenheiten erfahren zu können. „Die Klangtradition eines Orchesters sollte vererbt werden. Darauf achten oft die älteren Musiker, die ihre Tipps an die Jüngeren weitergeben. Wenn die Überlieferung der Traditionen abreißt, gehen diese verloren. Orchester können dann ihre Attraktivität, ihre Einzigartigkeit verlieren“, sagt Thielemann und erläutert: „Man geht ja auch nur in Restaurants, in denen es schmeckt“.

Nach dem „Lohengrin“ mit Christian Thielemann gingen wir zum Abendessen in die „Eule“. Dort hat es schon Richard Wagners Sohn Siegfried (1869 – 1930) geschmeckt. Zur eigenen Bedeutung in der Geschichte der Bayreuther Festspiele sagt Christian Thielemann, einer der Titanen am Pult, mit feinem Lächeln: „Der größte Star ist seit 1883 tot. Wir kommen nur wegen ihm hierher.“


Weltstar im geringelten Polohemd: Christian Thielemann 2022 im Steingräberhaus. Foto: CPB

Sonntag, 31. Juli 2022

Ein Meilenstein für den Behindertensport

Vor 50 Jahren fanden in Heidelberg die XXI. Weltspiele der Gelähmten statt

Dass Bundespräsident Gustav Heinemann die XXI. Weltspiele der Gelähmten vor 50 Jahren, am 1. August 1972, in Heidelberg eröffnen durfte, haben wir zwei Männern zu verdanken, die sich nicht gut leiden konnten. Der Dortmunder Basketballer und Feldhandballer Willi Daume (1913 - 1996), Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und damit im deutschen Sport allmächtig, hatte bereits 1968 barsch verkündet, dass die Wettkämpfe der Behindertensportler 1972 nicht nach den Olympischen Spielen in München ausgetragen werden könnten – wie es 1960 in Rom erstmals der Fall gewesen war.

 

Die Stadt München wollte Olympia flugs refinanzieren und die Wohnungen im Olympischen Dorf sofort nach der Schlussfeier verkaufen. Daume, Teilnehmer an den Olympischen Hitlerspielen 1936 in Berlin, ließ überhaupt nicht mit sich reden und Sir Ludwig Guttmann, den deutsch-britischen Motor der paralympischen Bewegung, rüde abblitzen. „Privatwirtschaftliche Zwecke“ waren wichtiger als die ordentliche Unterbringung der behinderten Athletinnen und Athleten in der „Weltstadt mit Herz“.

 

So ließ Ludwig Guttmann, 1899 im heute polnischen Toszek geboren und in Breslau und Freiburg zum Neurologen ausgebildet und Gründungsdirektor der Stoke Mandeville-Klinik für die Behandlung Gelähmter und Kriegsversehrter in der englischen Grafschaft Buckinghamshire, seine beruflichen Kontakte zu Professor Dr. Volkmar Paeslack (1925 - 1998) spielen, der an der Orthopädischen Uniklinik in Heidelberg-Schlierbach das Rehabilitationszentrum für Querschnittsgelähmte leitete und eng mit Dr. Werner Boll (1919 - 2007), dem Direktor der Stiftung Rehabilitation am Berufsförderungswerk in Wieblingen, verbunden war.

 

Die drei Herren fanden, dass Heidelberg mit seinem namhaften Sportinstitut, dem weitläufigen Uni-Stadion und dem kurz vor der Fertigstellung stehenden Bundesleistungszentrum für Basketball und Schwimmen über geeignete Sportstätten verfügte, und als Paralympisches Dorf konnte das BFW dienen. Das fand auch Heidelbergs Oberbürgermeister Reinhold Zundel: „Das machen wir“, entschied er in der ihm eigenen entschlossenen Art. Dem OB in wichtigen sportlichen Angelegenheiten zu widersprechen, wagte damals niemand.

 

Bis zum 10. August 1972 fanden im Neuenheimer Feld 187 Wettkämpfe im Bogenschießen, Bowling, Darts, Gewichtheben, Rollstuhl-Basketball, Rollstuhl-Fechten, Schwimmen, Snooker, Tischtennis und in der Leichtathletik statt. 984 Sporttreibende aus 43 Nationen kämpften um Medaillen. Die deutsche Delegation war erwartungsgemäß mit 80 Teilnehmenden am größten – und zur Freude der vielen tausend begeisterten Gastgeber auch am erfolgreichsten. 31 Nationalteams durften Medaillen mit nach Hause nehmen. Tschechien und Ungarn je eine Bronzemedaille, Deutschland auf Rang eins des Medaillenspiegels 67 Plaketten: 28-mal Gold, 17-mal Silber und 22-mal Bronze. Die USA hatten zwar sieben Medaillen mehr gewonnen, landeten aber mit „nur“ 17-mal Gold, 27-mal Silber und 30-mal Bronze auf Platz zwei vor Großbritannien (52 – 16/15/21).

 

Erfolgreichster Athlet war Edmund Weber vom Rollstuhl-Sport-Verein Frankfurt, der jeweils Gold im Kugelstoßen, Diskuswerfen und Speerwerfen und Bronze im Tischtennis an den Main holte. Die Wettkämpfe von Heidelberg waren echte Weltspiele, denn außer den europäischen Behindertensportlern nahmen viele Athletinnen und Athleten aus Afrika (Kenia, Rhodesien/heute: Namibia, Südafrika), Amerika (Argentinien, Jamaika, Kanada), Ozeanien (Australien und Neuseeland) sowie Asien (Hongkong, Indien, Japan und Südkorea) teil.

Der Autor war als 15-jähriger Zuschauer tagtäglich bei den Leichtathleten und Bogenschützen und am Abend bei den Rollstuhl-Basketballern in den überfüllten Hallen des Sportinstituts und des BLZ. In Erinnerung ist der Basketball-Knüller zwischen den USA und Israel – ein unvergessliches Match, über das auch der Sporthistoriker Daniel Westermann in seinem 2014 in der Schriftenreihe des Heidelberger Stadtarchivs erschienenen Buch berichtet hat.


 

Eberhard Bucke, ein junger Sportlehrer am Bunsengymnasium und Dozent am Sportinstitut, hatte seine Schüler (damals gab es noch keine Mädchen am Bunsen) zu den Wettkämpfen eingeladen und zählte zum 31-köpfigen Organisationsteam, das in acht Gruppen von lauter Fachleuten geleitet wurde: Der 2021 verstorbene Roland Vierneisel führte als Akademischer Direktor des Instituts die Sport-Gruppe an. Dr. Hans-Joachim Fichtner (Medizin), Gerhard Fritz (Unterkunft und Verpflegung), Jan Albers (Öffentlichkeitsarbeit), Günther Handschuh (Transporte), Niels Kroesen (Kulturelles) und Jörg Schmekel (Organisation) hießen die anderen Verantwortlichen, das Sportamt mit Walter Ochs und das OB-Referat mit Dieter Bächstädt leisteten unbürokratische Unterstützung. Nach Zundels Motto wurde nicht lange gefragt, es wurde gemacht.

 

Am Tag vor der feierlichen Eröffnung durch das Staatsoberhaupt fuhr den Organisatoren allerdings der Schreck in die Glieder. Freche Diebe hatten aus den von der städtischen Schreinerei errichteten rollstuhltauglichen Toilettenhäuschen die Kloschüsseln gestohlen. Doch Ersatz war schnell besorgt, und die Weltspiele, die als perfektes Ereignis in Erinnerung blieben, konnten pünktlich beginnen.

 

Zur Person: Sir Ludwig Guttmann

 

Ludwig Guttmann, geboren am 3. Juli 1899 im oberschlesischen Tost, gilt als Begründer der paralympischen Bewegung. Er nimmt ab 1917 als Hilfssanitäter am Ersten Weltkrieg teil und studiert ab 1918 in Breslau Humanmedizin. 1919 wechselt er an die Uni Freiburg und wird Fechter. 1923 wird er als Neurologe und Neurochirurg am Wenzel Hancke-Krankenhaus in Breslau angestellt und am 30. Juni 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen. Er wird Klinikleiter des Jüdischen Krankenhauses in Breslau, ehe er 1939 mit Ehefrau Else als Forschungsstipendiat nach Oxford emigriert. 1944 wird er Direktor des neu gegründeten Zentrums für Rückenmarksverletzungen in Stoke Mandeville/Buckinghamshire und 1947 britischer Staatsbürger. 1952 organisiert er die I. Stoke Mandeville Games mit Patienten der britischen und niederländischen Streitkräfte und 1954 die ersten Wettkämpfe mit deutschen Teilnehmern. 1963 wird er Präsident von Behindertensport-Verbänden und 1966 von Königin Elisabeth II zum Ritter geschlagen. Sir Ludwig, der am 18.März 1980 stirbt, erhält 1972 in Heidelberg von Bundespräsident Gustav Heinemann das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.


 

Im Bogenschießen zeigten die Athletinnen und Athleten 1972 in Heidelberg großartige Leistungen. Archivfoto

 

Das Standbild von Sir Ludwig Guttmann vor dem Krankenhaus in Stoke Mandeville. Archivfoto  

Montag, 25. Juli 2022

Zeitenwende

Über die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth

Die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wurden mit einer Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ eröffnet. Erstmals seit 16 Jahren fehlte beim Empfang der Ehrengäste, vom fränkischen Volksmund „Almauftrieb“ genannt, der deutsche Regierungschef. War es für Angela Merkel und Professor Joachim Sauer, ihren meist mäkelnd mit mürrischer Miene hinter der Bundeskanzlerin her schreitenden Mann, eine lieb gewordene Pflicht, das Kulturfest zu besuchen und einige Worte in die Mikrofone zu sprechen, so blieb der neue Kanzler schweigend fern.

Dem mit der Zeitenwende beschäftigten niedlichen Hanseaten blieb es so erspart, unter dem Königsportal des Festspielhauses die Pranke des riesenhaften bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder schütteln zu müssen. Der nicht zum Zuge gekommene „Kanzler der Herzen“ genießt das Blitzlichtgewitter und erträgt es lächelnd, gemeinsam mit der von ihm wenig geschätzten Kultur-Staatsministerin Claudia Roth oder Thomas Gottschalk abgelichtet zu werden. Hauptsache, am nächsten Tag in der Zeitung stehen, ist das politische Motto des Tages. Mein Papagei schätzt Roth wie Gottschalk: „Ihre Kleider sind so bunt wie mein Gefieder!“

Bei einem Spionageflug über den Grünen Hügel will mein Papagei erfahren haben, dass Katharina Wagner mit dem Gedanken spielen soll, den Hagen in der „Götterdämmerung“ 2023 mit Scholz zu besetzen. Die Festspielleiterin neigt dazu, die Werke ihres Urgroßvaters in modernem Kontext zu präsentieren. So soll Hagen den Meuchelmord an Siegfried nicht mit einem Speer, sondern mit der Bazooka wagen – keine schlechte Idee, nachdem Scholzens Angriff auf die Staatsfinanzen so gut geklappt hat.

„Halt, das geht doch nicht!“, interveniert Wolfgang Wagner von der Ehrentribüne auf Wolke sieben, wo er seit 2010 mit seinen Ehefrauen Ellen (2002) und Gudrun (2007) „Wagalaweia“ singt, die himmlischen Chöre auf die nächste „Meistersinger“-Inszenierung vorbereitet und gemeinsam mit der Mannheimer Boy Group (Jean Cox/ 2012, Heinz Feldhoff/ 2013, Karl Heinz Herr/ 2019 und Franz Mazura/ 2020) das Geschehen im Festspielhaus überwacht. „Der Zwuggel (Fränkisch für Knirps) kann niemals Hagen sein, gebt ihm Mime! Als überforderter Zwerg kann er all seine Talente entfalten, und am Ende ist er tot“, rät Wolfgang Wagner, der – obwohl grundsätzlich ziemlich tolerant – es nicht so arg gerne sieht, dass sein Vater Siegfried ( 1930) beim himmlischen CSD gemeinsam mit Erzengel Gabriel in Strapsen mitlaufen möchte.

In Richard Wagners Opern geht es um alle Formen der Liebe und des Hasses, um Mord und Totschlag und um Politik. Olaf Scholz hätte vielleicht doch hinfahren sollen, um zu lernen und zu verstehen. Denn bereits in der 1850 uraufgeführten Oper „Lohengrin“ hat Richard Wagner die heute gültige Nato-Doktrin verkünden lassen. Lohengrin singt zu König Heinrich: „Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn! Nach Deutschland sollen noch in fernen Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn“.

Darauf herrscht im Volk, der Regieanweisung zufolge, „lebhafte Erregung“. Möglicherweise war bekannt geworden, dass das 100 Milliarden Euro kosten soll.



Samstag, 23. Juli 2022

7000 Euro für ukrainische Kinder

Seit über zehn Jahren floriert eine vom Badischen Sportbund Nord anerkannte und geförderte Partnerschaft zwischen dem Rugby-Bundesligaverein Sportclub Neuenheim 02 und den HPC-Schulen der F+U Rhein-Main-Neckar GmbH. Kinder und Jugendliche dieser Schulen werden von SCN-Jugendtrainer Rezo Esadze, einem aus Georgien zum Studium nach Heidelberg gekommenen dualen Studenten des Sportmanagements, F+U-Stipendiaten und Bundesligaspieler, mit dem Rugbyball bekannt gemacht und für den Vereinssport geworben.

Zum zweiten Mal nach 2019 veranstalteten die beiden Partner am 18. Juli auf dem SCN-Sportgelände am Zoo einen Spendenlauf, an dem sich drei Stunden lang über 300 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klassen beteiligten. Während die eine Hälfte der Mädchen und Jungen durch ausdauerndes Rundenlaufen die von Partnern der Schulen ausgelobten Spendengelder sicherten, wurde die andere Hälfte von den Übungsleitern des SCN an sechs Stationen in den verschiedensten Techniken des Rugbyspiels unterrichtet. Nach einer Stunde und einer dringend notwendigen Erfrischungspause wurden die Rugbyasse zu Läufern und die Laufenden zu Rugby-Novizen – und am Ende des schweißtreibenden Vormittags hatten die Schülerinnen und Schüler über 7000 Euro erlaufen, die in voller Höhe ukrainischen Kindern zur Verfügung gestellt werden.

Der Spendenlauf wurde von der Deutsch- und Sportpädagogin Paula Kreutner von der F+U-Realschule und von Rezo Esadze organisiert, der von dem neuen, aus Wales stammenden SCN-Cheftrainer Curtis Bradford, dem Nachwuchs-Vorsitzenden Sascha Braun, der Jugendtrainerin und deutschen Vizemeisterin Pia Erhart, den Nationalspielern Mick Burisch und Tom-Luca Hoffmann und dem Junioren-Nationalspieler Lennart Gugau tatkräftig unterstützt wurden. 

CPB/Foto: privat