Freitag, 20. November 2020

„In der Pandemie ein offener Ratgeber für die Politik“

 Interview mit Hauptgeschäftsführer Ulrich Derad vom LSV Baden-Württemberg

Der 55-jährige Ulrich Derad ist in Rottweil geboren und seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Landessportverbandes Baden-Württemberg. Derad war Linksaußen im Handball und spielte von 1986 bis 1997 für Frisch Auf Göppingen, VfL Gummersbach, TuS Nettelstedt und Bayer Dormagen in der Bundesliga. Mit Gummersbach war er 1991 deutscher Meister. Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt er 22 Länderspiele. Nach seiner aktiven Laufbahn wurde er Sportlicher Leiter und Hauptgeschäftsführer in Dormagen und 2009 Geschäftsführer der Spielbetriebs-GmbH von THW Kiel.

 

Herr Derad, viele Sportfunktionäre beschäftigen sich mit den Auswirkungen des Coronavirus auf den Sport. Haben Sie im Februar 2020 geahnt, welche schwerwiegenden Folgen die beginnende Pandemie auf den Sport haben könnte?

 

Schwierig. Mir war zwar bewusst, dass sich da etwas zusammenbraut, aber in diesem Ausmaß habe ich es nicht kommen sehen.

 

Wann war Ihnen klar, dass die Olympischen Spiele in Tokio 2020 nicht stattfinden können?

 

Nachdem wir die ersten Rückmeldungen der Sportwelt und der sportmedizinischen Untersuchungszentren erhalten haben, habe ich mir so etwas schon gedacht. Schlussendlich wurde es mir aber mit der sich immer weiter zuspitzenden Situation um Qualifikationswettbewerbe zu den Olympischen Spielen klar. Im Sinne des Sports wäre es unter diesen Umständen auch nicht hilfreich gewesen. So hatten viele Weltklasseathleten bis dato noch keine Qualifikation, und Olympische Spiele ohne diese Athleten ist kein Olympia.

 


Halten Sie es für realistisch, 2021 Olympische Spiele auszutragen?

 

Ich denke, unter bestimmten Voraussetzungen ist das möglich und wünschenswert. Es wird aber etwas ganz anderes als die Athleten es kennen. Das große Fest der Begegnungen kann es schon aus Infektionsschutzgründen wohl nicht geben. Der Austausch untereinander ist aber neben dem Kräftemessen in den jeweiligen Disziplinen ein großer Bestandteil der Spiele. Grundsätzlich halte ich es für wichtig, dass die Spiele trotz aller Einschränkungen stattfinden – gerade für die Athleten.

 

Der LSVBW vertritt den baden-württembergischen Sport gegenüber der Politik und ist Gesprächspartner des Ministerpräsidenten und der Ministerinnen und Minister. Ist der LSVBW auch Ratgeber der politischen Entscheider?

 

Wenn es um die politischen Fragestellungen geht, ist der LSVBW ein offener Ratgeber für die Politik. Wir versuchen, stets in einem guten Austausch mit den jeweiligen Institutionen und Vertretern zu stehen. Nur durch diesen guten Austausch sind wir auch in der Lage, Entscheidungen zu beeinflussen. In der Krise zeigt sich das ganz besonders. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit den zuständigen Ministerien in Kontakt stehen, um unserer Rolle als Vertreter des Sports gerecht zu werden – mit Erfolg, denke ich, wie es Anpassungen in den Verordnungen, Öffnungen oder Auflagen von Finanzhilfen des Landes zeigen.

 

Sie gehören einer Expertengruppe an, die über die Corona-Landesverordnungen für den Sport berät. Wie intensiv ist die Zusammenarbeit mit den zuständigen Ministerien Soziales und Gesundheit sowie Kultus, Jugend und Sport?

 

Nicht in einer Expertengruppe, aber wir stehen in einem intensiven Austausch mit den zuständigen Ministerien und tun, was wir tun können – übrigens auch in engem Austausch mit den sportmedizinischen Zentren, um unsere Anliegen entsprechend zu unterlegen. Unser Austausch mit dem Sportministerium ist sehr konstruktiv. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles so umgesetzt wird, wie wir uns das wünschen. Da gibt es noch weitere Gremien über das Sportministerium hinaus, die schlussendlich entscheiden.

 

Zum Sportministerium hat sich, nicht zuletzt durch die langjährige Zusammenarbeit im Präsidialausschuss Leistungssport des LSVBW, ein gutes, ja freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Wie bewerten Sie die Kooperation?

 

Wie bereits erwähnt, sind wir als politische Interessensvertretung an einem guten Verhältnis interessiert und leben das. Die Erfahrung hat gezeigt, dass uns nicht Schlagzeilen, sondern fundierte Sportpolitik weiterbringen. Das gute Verhältnis ermöglicht dem LSVBW, gehört zu werden. Das ist wichtig und hilft nachweislich den Verbänden und Vereinen.

 

Die Corona-Landesverordnung vom 2. November verfügt einen Shutdown für den Amateursport und Zuschauerverbote für den Profisport. Welche Härten konnten durch Ihre Gespräche abgemildert oder verhindert werden?

 

Sicherlich sind die Regelungen sehr, sehr hart. Allerdings können immerhin Sportlerinnen und Sportler bis einschließlich der Landeskaderebene und bis zu den dritten Ligen weiterhin trainieren. Auch eine Verlängerung der Antragsfrist für die Soforthilfe Sport Baden-Württemberg für Vereine und Verbände bis Mitte nächsten Jahres steht im Raum. Da bin ich sehr optimistisch, das wird kommen. Insgesamt können wir froh sein, dass es zumindest in Teilen möglich ist, weiterhin Sport zu treiben, wenn auch schwer zu verstehen ist, dass zum Beispiel kein Kinder- und Jugendsport stattfinden kann. Aus meiner Sicht kann Sport Lösung des Problems sein, Sport und Bewegung leisten einen wichtigen Beitrag zu physischer und psychosozialer Gesundheit der Menschen. Sport stärkt die Abwehrkräfte und das Immunsystem. Ein starkes und stabiles Immunsystem ist unsere beste Prophylaxe gegen Krankheiten und Ansteckungen. Das gilt für Neugeborene bis hin zu Hochbetagten. Wann wäre das wichtiger als in der gegenwärtigen Corona-Pandemiephase?

 

Viele Sportlerinnen und auch ehemalige Sportler an den Stammtischen beklagen, dass seit März 2020 für den Fußball viele Extrawürste gebraten wurden. Bei den TV-Übertragungen kann man beobachten, dass den Profis und auch etlichen Trainern und Funktionären die Abstands- und Hygieneregeln ziemlich wurscht sind. Was sagen Sie dazu?

 

Das Thema ist weitaus facettenreicher, als ich es hier darstellen kann. Hier geht es um Berufssport. Erst einmal muss man dazu sagen, dass im Profifußball ein sehr hoher Anteil der Einnahmen durch die Fernsehrechte erzielt wird. Das ist in den anderen Profiligen anders, deshalb gibt es für diesen Bereich auch Hilfen auf Bundesebene – wir alle sollten die Daumen drücken, dass diese für die betroffenen Sportligen und Sportarten ausreichen. Allein schon die Vorbilder sind für unseren Nachwuchs wichtig. Der Fußball profitiert von diesen Hilfen nicht, da wird das Geld anders erwirtschaftet. Allein schon deshalb ist das nicht vergleichbar, und ich finde, wir im Sport sollten solidarisch bleiben, zumal die Öffnungen im Frühjahr und dann für die anderen Profiligen, was Zuschauer betrifft, ohne Fußball sicher zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich gewesen wären. Der gesamte Sport vom Nachwuchskicker bis zum Seniorensportler hat ein Stück weit davon profitiert. Ich hoffe, dass wir Anfang Dezember zum Trainingsbetrieb zurückkehren können, wie es im Oktober noch möglich war. Natürlich gilt es, sich an die Regeln zu halten, das ist elementar. Und ich bin überzeugt, unsere Vereine sind in der Lage, zahlreiche Sportangebote zu unterbreiten, die auch bei hohen Inzidenzwerten verantwortbar sind, um die genannten positiven Effekte zu erzielen und damit die Pandemiebekämpfung zu unterstützen. Abschließend dazu: Sicher dabei ist, der Fußball hat mitgeholfen, Sport wieder möglich zu machen.

 

Die Landesregierung hat Soforthilfen für Fachverbände und Vereine bereitgestellt, die durch die Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind. Wie werden diese Hilfen in den drei Sportbünden des Landes in Anspruch genommen und wie schnell werden die Hilfen gewährt?        

 

Meines Wissens sind aktuell von den zur Verfügung gestellten rund 11,6 Millionen Euro ungefähr sieben Millionen abgerufen worden. Durch den neuerlichen Lockdown stehen wir im Austausch über eine Verlängerung der Soforthilfe. Diese Verlängerung über den 30. November hinaus halte ich für extrem wichtig. Die Gewährung der Hilfen funktioniert relativ schnell. Das Geld ist nach Antragseinreichung meistens schon in wenigen Tagen auf dem Konto des Antragstellers. Da machen die Sportbünde einen guten Job.

 

Claus-Peter Bach am 18. November 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

 

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Ulrich Derad ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Landessportverbandes Baden-Württemberg.

Dienstag, 17. November 2020

Bayern wichtiger als Deutschland?

 Über Stammtisch-Gespräche von Sportlern in diesen Zeiten

Kürzlich hat uns eine Nachricht des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung in Hamburg erstaunt. Darin wurde, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, behauptet, dass der „FC Bayern München auch an den Stammtischen auf Platz eins“ liege, was die Forscher dadurch herausgefunden haben wollen, dass sie 430 Millionen Online-Quellen belauscht hatten. Damit haben die Wissenschaftler auf unerhört rüde Weise dem DFB-Manager Oliver Bierhoff widersprochen, der vor dem Mittwochs-Kick gegen Tschechien kühn behauptet hatte, die deutsche Nationalelf sei „die wichtigste Fußballmannschaft Deutschlands“.

 

Da RNZ-Journalisten grundsätzlich jede Meldung auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und mein Papagei seit dem Eintritt in den Ruhestand noch viel mehr herumflattern kann, haben wir bis zum Beginn des November-Lockdowns unseren beliebtesten Stammtisch regelmäßig besucht. Interessant war: Über die Bayern wurde so gut wie nie debattiert. Sie sind gut, das haben auch Nichtfußballer begriffen, was sollte man darüber streiten? Themen waren Schalke und der Metzger Tönnies, Aufsteiger VfB Stuttgart und die neuen Nöte des Karlsruher SC und des SV Sandhausen. Nach den Nations League-Spielen der DFB-Elf knurrte Gérard, der Altinternationale mit dem knirschenden Hüftgelenk, nach vier Vierteln und zwei 600-ern Ibuprofen: „Jogi, Jogi, genug ist genug!“ Nach dem 1:0 gegen Tschechien schlüpfte mein Papagei in Gérards Rolle und fragte: „Welchen Sinn hat ein Vorbereitungsspiel, wenn alle Stammspieler fehlen?“

 

Vor dem Lockdown waren auch dies Stammtisch-Themen: Erstens das nette Wesen der neuen Klubhauswirtin und zweitens Bibiana Steinhaus. Walter, der sich „Walt“ nennt, seit er mit seiner fünften Ehefrau im Camper durch den nordamerikanischen Mittelwesten gebrettert war, brachte die Rede wieder einmal auf die 41-jährige Polizeihauptkommissarin, die ihre Schiedsrichter-Laufbahn nach je einem WM- und Olympiafinale der Frauen und 36 Einsätzen in der Bundesliga und 2. Liga der Männer aus freien Stücken beendet hat – als freie Frau und mit Applaus, nachdem sie erkannt hatte, dass Fußball nicht alles ist. „Walt“ erinnerte sich daran, dass Stammtischfreunde das Ende der Welt prophezeit hatten, als Bibiana Steinhaus vor ihrem ersten Einsatz bei den tätowierten Männern gestanden hatte. „Jetzt kommt auch noch diese Seuche über uns“, hatte „Walt“ damals recht unreflektiert beigepflichtet.

 

Dass „Walt“ die blonde Frau mit einer Seuche verglichen hatte, ist ihm heute peinlich, aber dadurch zu erklären, dass er von vier Ehefrauen schuldhaft geschieden worden ist. So etwas ist teuer, es trübt die Laune. Nun wissen wir, dass die Schiedsrichterin weit weniger gefährlich gewirkt hat als die aktuelle Pandemie, denn an den 36 Bundesligaspielen der Frau Steinhaus ist kein Mensch gestorben. Weil auch die Stammtischbrüder weiterleben wollen, bleiben sie gegenwärtig brav zuhause und gucken Fußball mit Mund- und Nasenbedeckung, die sie nur kurz lüpfen, um die trockene Wohnzimmerluft zu befeuchten.

 

Eine rasche Telefonumfrage unter den Stammtischfreunden hat ergeben, dass sie sich in einem Schockzustand befinden, seit bekannt wurde, dass immer mehr der stressgeplagten Hoffenheimer Fußballer aus heiterem Himmel am Coronavirus erkranken und dass Heintjes „Mama“, die berühmteste Holländerin der späten 1960-er Jahre, mit Covid-19 gestorben ist.

 

Vielleicht geben diese ebenso bedrohlichen wie traurigen Nachrichten den „Querdenkern“ zu denken – falls diese dazu überhaupt in der Lage sein sollten...

 

Claus-Peter Bach am 14. November 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Samstag, 3. Oktober 2020

Der Sohn des „Wassergottes“

Über einen 88-jährigen Sportler, der 1951 deutscher Basketball-Meister war


Damals war für Gesprächsstoff gesorgt: Bei einem Fußballspiel der mittelbadischen Landesliga im Jahr 1980 zwischen dem FV Malsch und dem ASV Durlach sah sich der Schiedsrichter bemüßigt, vier Spielern der Gastgeber die Rote Karte zu zeigen. Hinterher verkündeten die Durlacher, der Referee sei ihr bester Mann gewesen, während die Malscher die Spruchkammer des Badischen Fußball-Verbandes anriefen und Freisprüche für das bestrafte Quartett beantragten. Der Vorsitzende Richter Hans-Joachim Schäfer studierte den Schiedsrichter-Bericht, hörte einen Schiedsrichter-Obmann an, der das Spiel beobachtet hatte – und sprach die vier Spieler von allen Vorwürfen frei.

 

„Es waren nach Überzeugung der Spruchkammer vier unberechtigte Platzverweise“, erinnert sich Hans-Joachim Schäfer, der damals ganz unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen hat. Spieler und Vereine lobten die Courage des Sportrichters, die Schiedsrichter – und besonders ihr Verbandsobmann – fühlten sich im Stich gelassen und waren beleidigt. „Dabei haben wir doch bloß Recht gesprochen“, sagt Hans-Joachim Schäfer rückblickend.

 

Der mutige Mann lebt heute 88-jährig im Seniorenheim „Agaplesion Bethanien-Lindenhof“ in Rohrbach und gebraucht seit wenigen Monaten, „weil die Kniegelenke nicht mehr so wollen“ einen Rollator. Noch im letzten Jahr hat er sich mit regelmäßigem Training bei Pfitzenmeier jung gehalten, wo er in den letzten 30 Jahren Sportlerinnen und Sportler kennengelernt hat, die zu Freunden geworden sind: „Sie kaufen für mich ein, sie fahren mich zum Arzt. Und jetzt dürfen sie mich auch wieder besuchen“, freut sich Hans-Joachim Schäfer über diese Hilfen nach den Corona-Lockerungen im Alltag. Er hatte bis zum 70. Geburtstag eine Anwaltskanzlei und eine Inkassogesellschaft geführt.

 


Natürlich hatte Hans-Joachim Schäfer als Bub, wie jeder Junge, Fußball gespielt, was ihm Vater Heinrich nach einer Verletzung aber verbot. Der strenge Herr Papa arbeitete als Installateur bei den Stadtwerken und wurde von allen „Wassergott“ genannt, weil er die Schlüsselgewalt über die Heidelberger Trinkwasserspeicher hatte. Also wechselte Hans-Joachim nach dem Abitur bei der von Queen Elizabeth II geadelten Dame Gladys Fischer am Englischen Institut zum Turnerbund Heidelberg, zurück in die heimische Altstadt.

 

In der Leyergasse war Hans-Joachim Schäfer im November 1931 zur Welt gekommen, Mutter Anna und Vater Heinrich schickten ihn in die Hindenburgschule, die heute Friedrich-Ebert-Schule heißt, und weil Hans-Joachim in seinem schicken Matrosenanzug ein sehr guter Schüler war, erhielt er von seinem Lehrer die Empfehlung für eine Napola. In den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten bildeten die Nationalsozialisten ihre künftigen Eliten aus. Sie impften den Jungen ihr Weltbild ein, „aber wir trieben auch viel Sport“ (Schäfer), wozu auch ein „Mutsprung“ aus dem vierten Stock des Schulgebäudes zählte. Schäfer war in den Napolas im elsässischen Rouffach, im südbadischen Achern, in Rottweil und in der Schlossschule Salem stationiert, doch als er 14 war, war der Krieg zu Ende, bevor er irgendwo als Kindersoldat missbraucht werden konnte.

 

Nach dem Abitur begann Schäfer ein Jura-Studium, war als Referendar am Amtsgericht Schwetzingen und arbeitete dann als Staatsanwalt und Notar in Heidelberg und war Rechtsanwalt in der Kanzlei von Dr. Paul Schlatter – den Präsidenten des Tennis-Clubs Schwarz-Gelb und Heidelberger „Förderer des Sports“ nennt er sein berufliches Vorbild. 26 Jahre lang war Hans-Joachim Schäfer Vorsitzender der Anwaltskammer. Trotz starker Konzentration auf den Beruf war er ein sehr guter Basketballer und Tennisspieler.

 

Der TB Heidelberg war 1948 der dritte deutsche Basketball-Meister nach dem LSV Spandau und Schwabing München und wiederholte den Titelgewinn 1951, 1952 und 1953. In der Meistermannschaft von 1951 in Berlin war Hans-Jürgen Schäfer „Stürmer, rechts oder links“ und hatte prominente Teamkameraden wie die späteren Meister- und Bundestrainer Dr. Wolfgang Heinker, Torry Schober und Kurt Siebenhaar oder Toni Kartak, der von 1973 bis 1984 Präsident des Deutschen Basketball-Bundes war. Zwei Jahre später wurde Hans-Joachim Schäfer mit der Uni Heidelberg in Dortmund Zweiter der Internationalen Deutschen Hochschulmeisterschaft; Medaillen, Anstecknadeln und Teilnehmerausweise zeugen von diesen Erfolgen.

 

Im Tennis war er ein ehrgeiziger Vereinsspieler im Polizei-Sportverein Heidelberg und im TC St. Ilgen, der es sich später leisten konnte, Steffi Graf und Boris Becker zu den Grand Slam-Turnieren in Roland Garros, dem Londoner Queens Club, in Wimbledon und in Flushing Meadows zu begleiten und Sternstunden des deutschen Sports zu erleben – wie 1954 in Bern-Wankdorf, als er den 6:1-Sieg der späteren Fußball-Weltmeister über Österreich im Stadion erleben durfte.

 

Nach Fußball als Junge und Basketball in den besten Jahren hatte Hans-Joachim Schäfer eine dritte aktive Zeit im Sport. Durch seinen Beruf lernte er Erich Balles, Werner Kindermann und Theo Machmeier, die führenden Persönlichkeiten in den Oberliga-Jahren des SV Sandhausen, kennen, die ihn dazu überredeten, für die Position des 3. Vorsitzenden zu kandidieren. Am 1. Juli 1971 trat er in den SVS ein und erinnert sich an unvergessliche Erlebnisse: Eine tolle Kameradschaft im Vorstand und an Gespräche mit dem ganz jungen Hansi Flick, von dem er sagt: „Er war und ist und bleibt ein anständiger Mensch.“ Als Flick mit den Bayern die Champions League gewann, „habe ich gejubelt – bis spät in die Nacht!“

 

Claus-Peter Bach am 19. September 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

 

Bildtext: Hans-Joachim Schäfer in seiner Heidelberger Seniorenresidenz mit den Ehren- und Meisterabzeichen aus seiner sportlichen Laufbahn. Foto: Helmut Pfeifer



Schneller schlauer mit der Rhein-Neckar-Zeitung! 

Montag, 21. September 2020

So gut wie die Franzosen

Rugby-Nationalspieler Manfred Friedel wird am 22. September 2020 80 Jahre alt

Als Manfred Friedel zwischen 1961 und 1967 seine 14 Länderspiele bestritt, zählte die deutsche Rugby-Nationalmannschaft auf dem europäischen Kontinent zu den besten Teams. Friedel gewann fünf Mal gegen den heutigen B-Europameister Niederlande, in Michelstadt im Odenwald auch gegen die Tschechoslowakei, und gegen Belgien stellte Deutschland B-Mannschaften – ohne Friedel.

EM-Spiele gegen Italien, Rumänien und Frankreich, das seinerseits mit B-Teams antrat, in dem Weltstars wie Roland Bertranne und später Serge Blanco, Didier Cambérabéro, Pierre Lacans oder Eric Champ ihre ersten internationalen Erfahrungen sammelten, gehörten damals zum Jahresprogramm der deutschen Fünfzehn. Und die Resultate überraschen aus heutiger Sicht: 1965 in Hannover verloren Friedel und seine Freunde aus Berlin, Hannover und Heidelberg mit 3:8, und ein Jahr später in Chalon-sur-Saone war Frankreich B mit 8:6 nur ganz knapp besser. Hannover erlebte 1965 eine 8:9-Niederlage gegen Rumänien, und die Berliner Rugbyfans rieben sich die Augen, als am 30. Oktober 1966 ein 3:3 gegen Italien gelang. Neben Manfred Friedel spielten sein Vereinskamerad Otto Haaß und der Neuenheimer Martin Frauenfeld in der Dreiviertelreihe, und im Sturm kämpfte Reinhard Goecke vom HRK als einziger Heidelberger.

 Manfred Friedel, am 22. September vor 80 Jahren in Handschuhsheim geboren, erlebte den Krieg vom Speicher des elterlichen Hauses aus, wo man sehen konnte, wie Mannheim im Bombenhagel versank. Er musste aber nie Hunger leiden, ging in die Tiefburgschule und begann mit 13 Jahren eine Lehre als Vermessungstechniker, ehe er die Ingenieurschule in Karlsruhe besuchte und als Diplom-Ingenieur (FH) abschloss. Noch heute arbeitet er zehn Wochenstunden in seinem Beruf, „weil das Arbeiten mit jungen Leuten Spaß macht.“

Bis zum 15. Lebensjahr turnte er beim TSV Handschuhsheim mit den Lieblingsgeräten Boden und Reck, dann folgte er seinem älteren Bruder Willi zum Hockey in der TSG 78 Heidelberg, ehe er sich 1957 den Rugbyspielern des TSV anschloss. Die waren auf dem Hans-Hassemer-Platz des HTV soeben deutscher Meister geworden, und der junge Manfred sagte sich: „Das will ich auch!“ Obwohl er sich alle Mühe gab und einer der besten Innendreiviertel seiner Zeit war, wurde daraus nichts. Mit Manfred Friedel (Foto: privat) war der TSV deutscher Vizemeister 1960, 1963, 1968 und 1978, und auch das Pokalfinale 1978 ging verloren. „1968 in Stuttgart beim 6:8 gegen Hannover 78 waren wir ganz nahe dran, da hätten wir eigentlich gewinnen müssen“, erinnert sich der Jubilar, der mit 44 Jahren noch in der Bundesligamannschaft spielte, mit Martin (56) und Sabine (47) Rugby-Kinder hat, die Nationalspieler wurden, und mit Gabi eine Ehefrau, die ihn seit 57 Jahren auf den Sportplatz begleitet.

Sein schönstes Rugby-Erlebnis hatte er bei einer Tour der Alten Herren nach Bordeaux, denn in den Kellern von St. Emilion hat er gelernt, dass Rotwein Medizin sein kann, die einen Menschen jung hält. Auch weil er seit 30 Jahren nicht mehr raucht, ist er noch so fit.

Claus-Peter Bach am 22. September 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

 

Sonntag, 20. September 2020

Heidelberg trauert um Peter Bews

 Ein Nachruf für einen unermüdlichen Förderer der Rugby-Jugend

Die Rugbyspieler trauern um Peter Bews. Der langjährige, verdienstvolle Jugendwart des Rugby-Verbandes Baden-Württemberg (RBW) verstarb am 12. September 2020 im Alter von 76 Jahren an einer kurzen, heimtückischen Krankheit in seiner Wahlheimat Heidelberg. Vor sechs Wochen wusste er noch nicht, dass er krank ist, sein Leben rasch zu Ende gehen würde, dass die Ärzte ihm nicht würden helfen können.

 

Mit Peter Bews verlor der deutsche Rugbysport einen seiner Vordenker, aber auch einen scharfen Kritiker von gedankenlosem Handeln, Bequemlichkeit und Müßiggang. „Warum tun Sie das nicht?“, fragte Peter Bews laut in die Runde, wenn Vereinsjugendleiter wieder einmal verschwitzt hatten, einen Zuschussantrag fürs Schul- und Vereinsrugby beim Sportbund zu stellen. Hart und unermüdlich in der Sache, verbindlich im Ton, ein echter Freund, der seine Meinung ohne Scheu vertrat und immer nach Mitstreitern und Verbündeten suchte – und sie fand. Zu keinem Zeitpunkt gab es in seinem Jugendausschuss, den er von 1999 bis 2009 und nochmals von 2012 bis 2016 mit klaren Vorstellungen, aber auch locker und unterhaltsam führte, einen offenen Posten; alle Funktionen waren stets kompetent besetzt, auffällig oft von tatkräftigen und zuverlässigen Frauen.

 

Peter Bews wurde am 17. Juni 1944 im englischen Birmingham geboren. Die Verwüstung seiner Heimatstadt durch deutsche Bomben erlebte er nicht bewusst. Er setzte sich aus tiefer Überzeugung für die Verständigung junger Menschen ein, ab 1975 als Lektor am Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg und später als RBW-Jugendwart, der die Sportpartnerschaften mit den Klubs in Cambridge, Shelford und Selkirk und mit der Bedford School in seiner Heimat pflegte, aber auch die Partnerschaftsprogramme mit Polen und Tschechien nutzte und über das Deutsch-Französische Jugendwerk den Austausch mit bedeutenden Rugby-Regionen ankurbelte, damit der baden-württembergische Nachwuchs von Besseren lernen konnte. Rhone-Alpes, Alpes-Maritimes/Cote d’Azur, Var, Midi-Pyrénées und Ile de France waren neben dem nahen Elsass und Lothringen regelmäßige Spielpartner der baden-württembergischen Landesauswahlen. Das internationale Siebenerrugby-Turnier „SAS Heidelberg Juniors & Girls Sevens“ mit den U16-Nationalteams aus Belgien, Israel, den Niederlanden, Polen, Rumänien, der Schweiz und Tschechien sowie den Regionalauswahlen aus British Columbia, Saskatchewan, Venetien und den deutschen Bundesländern baute er zu Europas wichtigstem Nachwuchsturnier aus und erweiterte es 2014 für die U18-Mädchen. Das alljährliche SAS Sommercamp mit 100 Jugendlichen und drei Nationaltrainern aus Wales war ebenso sein „Baby“ wie der SAS Juniorcup und der SAS Wintercup, die dem U8- bis U12-Nachwuchs unzählige Turnierspiele boten. „Wer viel und regelmäßig spielt, wird gut“, war seine Überzeugung.

 


Peter Bews kam durch seinen heute 35-jährigen Sohn James, der als Jurist in Berlin lebt, zur Rudergesellschaft Heidelberg, in der er half, wo Hilfe nötig war. Der selbstlos fleißige Mann fiel durch seine Freundlichkeit und soziale Kompetenz auf. Peter und seine Familie erlitten 2016 einen fürchterlichen Schicksalsschlag, als der neunjährige Sohn Ben durch einen Verkehrsunfall vor den Toren seiner Schule in der Heidelberger Altstadt ums Leben kam. Seither engagierte sich Peter Bews für die Verkehrssicherheit in Heidelberg und machte mit einem von ihm gegründeten und geleiteten Verein Schulwege sicherer.

 

Peter Bews, ein überzeugter Europäer, gab seine britische Staatsbürgerschaft aus Protest gegen die Brexit-Politik Boris Johnsons zurück und wurde am 21. März dieses Jahres für seine unzähligen Verdienste in der Jugendarbeit vom Sportausschuss des Heidelberger Gemeinderates zum „Förderer des Sports“ gewählt. Wegen des Coronavirus-Lockdowns konnte diese hohe Ehrung nicht durchgeführt werden. Die Sportplakette wird ihm posthum verliehen.

 

Er hinterlässt neben James seine Ehefrau Kirsten und die 17-jährige Tochter Lucy, die in Heidelberg zur Schule geht. Ihnen gilt unser Mitgefühl. Peter Bews wird am Samstag, 26. September, um 11 Uhr auf dem Friedhof Köpfel in Ziegelhausen beigesetzt. Um 12.30 Uhr folgt eine Trauerfeier in der Heiliggeistkirche, an der nach den Corona-Bestimmungen 160 Personen teilnehmen können. Claus-Peter Bach



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