Mittwoch, 29. Juli 2020

Mein Papagei stürzte fast vom Himmel

Über den Stellenwert Olympischer Spiele ein Jahr vor Tokio 2021


Am Freitagabend haben mein Papagei und ich uns auf dem Sofa nett eingerichtet, ein paar Kissen im Rücken, Erdnussflips, Stachelbeeren, Cola Zero und frischen Filterkaffee – was man so braucht für eine lange Fernsehnacht. Vier Jahre zuvor, bei Olympia in Rio, war das schön. Schon in der ersten Nacht erlebten wir Unterwasserrudern auf einer windgepeitschten und von toten Fischen verseuchten Lagune, bewunderten den Straßenrennen-Sieger Greg van Avermaet beim Biss in die Goldmedaille und empörten uns, als ein Reporter verkündete, der erste Aufschlag von Andrea Petkovic und Jelina Switolina sei mit unter 50 Prozent schlecht gewesen, „was bei Frauen oft so“ sei.

 

Diesmal verzehrten wir Erdnussflips, Stachelbeeren und Kaffee zu „Ein Fall für zwei“, „SOKO Leipzig“, „Tatort“ und „Mankells Wallander“, und irgendwann schlummerten wir hinweg, denn auch Herr Dr. Thomas Bach, bekanntester Ratgeber in allen olympischen Lebenslagen, tauchte an diesem Abend nicht auf.

 

Kürzlich ist mein Papagei bei einem Rundflug über „Sportdeutschland“ beinahe vom Himmel gestürzt. Er hatte beobachtet, wie fleißig unsere Athletinnen und Athleten sich auf die Olympischen Spiele 2020 im Jahr 2021 in Tokio vorbereiten, wie sie unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln aus 1,50 Metern Entfernung Judo- und Ringergriffe ansetzen, mit auf fast zwei Meter verlängerten Armen boxen und in einem auf 40 Meter Länge ausgebauten Achter den Neckar hinauf- und hinunterrudern. Da gelangte die Radio-Nachricht an sein Ohr, dass Thomas Bach entschlossen sei, 2021 nochmals für das Amt des IOC-Präsidenten zu kandidieren. „Das darf doch nicht wahr sein!“, entfuhr es meinem Papagei, dem sofort klar war, wie demotivierend diese Nachricht auf die Sportlerinnen und Sportler wirken wird.

 

Keine Ethik, keine Moral

 

Gut, dass Tokio 2020 aufgrund der Coronavirus-Pandemie verschoben werden musste und kein Mensch weiß, ob das Sportfest im Juli 2021 stattfinden kann, ist dem IOC-Präsidenten nicht anzulasten. Dieses kleine fiese Virus, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, hat Bach nicht erfunden und auch nicht verbreitet. Andere Krankheiten, die den Weltsport plagen, aber schon. Alfons Hörmann, der ehrenwerte Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat in dieser Zeitung zwar mal behauptet, „Thomas Bach ist nicht Teil des Problems, sondern dessen Lösung“, doch mein Papagei hält dagegen und sagt: „Dieser Satz enthält zwei Irrtümer“.

 

Lesen bildet, Radiohören auch. Am 18. Juli hat Bianka Schreiber-Rietig im Deutschlandfunk kommentierend zusammengefasst, warum es keine gute Idee sei, dass das IOC mit Bach an der Spitze weiterwursteln wolle. Wir zitieren ein paar Sätze der Kollegin, weil sie so schön und so treffend sind:

 

„Auch in einer zweiten Amtszeit wird sich nicht viel ändern. Das IOC bleibt in vielem ignorant und aus der Zeit gefallen.“ – Dann wird Frau Schreiber-Rietig konkret: „Der 100 Delegierte starke IOC-Hofstaat huldigt König Thomas. Kritik? Keine. Dabei kam sein zauderndes Pandemie-Management außerhalb seines Königreiches nicht gut an – weder bei den Athletinnen und Athleten, noch dem Gros der Sportfamilie, geschweige denn bei vielen Menschen weltweit.“ Mein Papagei erinnert sich: „Das IOC stimmte einer Verschiebung der Spiele erst zu, als tausende Menschen gestorben waren.“

 

„Bachs IOC-Agenda 2020 sollte die Spiele reformieren. Ergebnisse: Bisher mau“, stellt Frau Schreiber-Rietig fest, und mein Papagei erinnert an Bachs Hinhalte-Politik im Doping-Skandal um Russland, an seine zerstörende Kritik an der unterfinanzierten WADA, an seine Ferne zu den Athleten und seine Nähe zu Despoten in aller Welt. Natürlich: Olympia hat einen Wert. Mit Bach an der Spitze hat es aber keine Ethik und keine Moral.

 

Claus-Peter Bach am 27. Juli 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Sabine Kusterer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Über eine deutsche Gewichtheberin, die 2021 bei Olympia in Tokio starten möchte


Sabine Kusterer aus Karlsruhe lebt in Leimen und ist Gewichtheberin in der Bundesliga-Staffel des KSV Durlach. Die 29-Jährige ist Berufssoldatin und Studentin der Volkswirtschaftslehre. Sie dient als Oberfeldwebel in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Bruchsal, und als wir uns im Grün vor dem Olympiastützpunkt Rhein-Neckar treffen, hat sie sich schon ein paar Stunden auf eine Klausur an der Uni Heidelberg vorbereitet.

 

Die vielfache deutsche Meisterin der Gewichtsklassen bis 58 und bis 63 Kilogramm hat eine große internationale Erfahrung: 2008 war sie Jugend-Europameisterin, bei den Frauen-Europameisterschaften 2011 und 2013 belegte sie siebte Plätze, und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro schaffte sie ihre persönlichen Bestleistungen mit 90 Kilogramm im Reißen und 110 Kilogramm im beidarmigen Stoßen; damit gewann sie in der Klasse bis 58 Kilogramm die B-Gruppe und belegte im Gesamtklassement den zehnten Rang.

 

Die Olympiasiegerin Sukanya Srisurat ist inzwischen lebenslang gesperrt worden. Die Thailänderin, bereits 2013 des Dopings überführt und für zwei Jahre suspendiert, hatte in Rio 110 und 130 Kilogramm zur Hochstrecke gebracht und sich 2017 bei einem anderen Wettkampf erneut beim Betrug erwischen lassen. Das Olympia-Gold durfte sie behalten. „Das macht mich wütend“, sagt Sabine Kusterer, zumal die International Weightlifting Federation (IFW) lapidar erklärt hat: „So ist das System, und so sind die Regeln.“



Sabine Kusterer hat in ihrem langen Sportlerleben schon viel Betrug und viele Ungerechtigkeiten erlebt und sagt: „Es ist ganz schlecht, dass im internationalen Gewichtheben permanent gegen das Fairplay und die Werte des Sports verstoßen wird, denn Doping hat im Training und in den Wettbewerben nichts zu suchen. Leider wissen diese Betrüger nicht, was sie sich und anderen Athleten antun.“ Für viele Konkurrenten stehe der Erfolg über allem. Da gebe es zum Beispiel den viermaligen Weltmeister Ilya Ilyin aus Kasachstan, der bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und 2012 in London wegen Dopings disqualifiziert wurde, aber auf Instagram immer noch Millionen Follower habe. Ein Betrüger als Volksheld? Im Gewichtheben ist das in manchen Ländern möglich.

 

Sabine Kusterer, die über den Tellerrand ihres Sports hinausblickt, seit September 2018 auch ehrenamtliche Vizepräsidentin des Badischen Sportbundes Nord ist und als Botschafterin eines regelgerechten und anständigen Sports in die Vereine hinein wirkt, lässt das nicht kalt: „Wer betrügt und erwischt wird, gehört geächtet. Denn er zerstört den Ruf unseres Sports und vernichtet die Trainingsarbeit seiner Konkurrenten und bringt deren Leben in Gefahr. Denn wer permanent betrogen wird, gerät in Gefahr, sein inneres Gerüst zu verlieren.“ Die deutschen Antidopingregeln müssten weltweit gelten: Wer betrügt, verliert seinen Kaderstatus, wird ausgeschlossen und muss die Zuwendungen der Stiftung Deutsche Sporthilfe und alle Prämien komplett zurückzahlen.“

Diese Bedingungen müssen Athletinnen und Athleten unterschreiben, wenn sie in einen Bundeskader aufgenommen werden. Sabine Kusterer gehört gegenwärtig dem „Topteam Future“ der Sporthilfe an und wird mit monatlich 300 Euro als Zulage zu ihrem Bundeswehr-Sold unterstützt: „Davon kann man leben“, sagt sie und freut sich auf das in einer halben Stunde beginnende Krafttraining im OSP.

 

„Topteam Future“ heißt, dass man von Sabine Kusterer – wenn sie gesund bleibt und weiterhin konzentriert trainieren kann – noch einiges erwartet. Trainingsziel ist die erneute Qualifikation für die Olympischen Spiele, bei denen sie 2021 in der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm antreten möchte. Neue Gegnerinnen, neue Herausforderungen – es ist nicht möglich, ein konkretes Leistungsziel zu formulieren. Die hundert Kilogramm im Reißen möchte Sabine Kusterer aber schon irgendwann noch schaffen.

 

Immerhin hat sie ganz leise Hoffnungen, dass der Sport in der IWF künftig ein wenig sauberer und fairer wird: „Ich glaube nicht, dass Gewichtheben jemals dopingfrei sein wird. Aber mit richtiger Schulung der jungen Athletinnen und Athleten in aller Welt und mit einem durchgreifenden Kontrollsystem könnte der Betrug stark minimiert werden. Es mag eine Utopie sein, aber die IWF muss endlich zeigen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher.“

 

Hoffnung verleiht der schonungslose Report des kanadischen Jura-Professors Richard McLaren (75), der das Geschäftsgebaren der IWF in den letzten 25 Jahren untersucht und im Rahmen einer ARD-Dokumentation am 7. Juni dieses Jahres öffentlich gemacht hat: Unter dem Ungarn Tamas Aján (81) aus Ungarn, der nach 25 Jahren als Generalsekretär seit 2000 als IWF-Präsident amtierte, Council-Mitglied der Wada und IOC-Mitglied war, gab es alles: Wahlbetrug, Vertuschung von rund 40 prominenten Doping-Fällen gegen Geldleistung, Bedrohung, Erpressung und Abservierung von Andersdenkenden wie den deutschen Verbandspräsidenten Dr. Christian Baumgartner aus IWF-Gremien und persönliche Vorteilsnahme. McLaren hat ausgerechnet, dass unter Aján 9,27 Millionen Euro aus der Kasse des Weltverbandes verschwunden und nicht mehr aufzufinden sind. Für diese großartigen Leistungen hat Tamas Aján am 28. Februar 2010 den Olympischen Orden, die höchste Auszeichnung des IOC, erhalten. Da war IOC-Präsident Thomas Bach noch im Anflug auf den olympischen Thron, doch schon 2011 ließ er sich, von Aján umarmt, ohne jedes Schamgefühl ablichten.

 

Die Hoffnung Sabine Kusterers und ihrer Kolleginnen und Kollegen in aller Welt ruhen nun auf der US-Amerikanerin Ursula Papandrea, die nach Lektüre des McLaren-Reports als Interimspräsidentin der IWF versprochen hat, die „klar benannten Probleme“ anzugehen: „Wir wollen in eine neue Ära der Transparenz, Verantwortung und guten Unternehmensführung eintreten“, versprach Ursula Papandrea in der ARD. Sabine Kusterer wünscht ihr viel Kraft, Glück und Erfolg.

 

Claus-Peter Bach am 27. Juli 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Samstag, 27. Juni 2020

Gegen Anfeindungen hat sie gute Strategien

Serena Benavente über Diskriminierung und Rassismus in den USA und in Deutschland

Auf diese Frage zeigt Serena Benavente ihr schönstes Lächeln, und ihre Hände, mit denen sie so viele Emotionen ausdrückt, wirbeln begeistert durch die morgendlich noch kühle Luft. „Ich liebe Heidelberg! Die Altstadt, der Fluss, die Alte Brücke, das Kopfsteinpflaster, die Cafés, der Wald, die Thingstätte fürs Konditionstraining, das Radfahren. Oh, es gibt so viel Schönes hier“, ruft die beinahe übersprudelnde Basketball-Trainerin: „Heidelberg ist wirklich meine zweite Heimat. Aber Heimat ist für mich auch Kalifornien, wo meine Eltern leben und wo ich aufgewachsen bin.“

Serena Benavente wurde vor 35 Jahren in dem 34 000-Einwohner-Städtchen Seaside im Landkreis Monterey geboren. Die Eltern sind als junge Leute aus Guam, der südlichsten Insel des Marianen-Archipels im pazifischen Ozean, eingewandert. Guam hat rund 160 000 Einwohner, ist so breit wie die Strecke von Heidelberg nach Mannheim und so lang wie die Autobahn zwischen Patrick Henry Village und Karlsruhe. Es liegt irgendwo zwischen Japan, den Philippinen und Hawaii und ist ein nicht inkorporiertes Territorium der USA, hat also Seine Peinlichkeit Donald Trump als Staatsoberhaupt, aber keinen Stern auf der US-Flagge. Mutter Millie ging „mit 17, 18 Jahren zum Studium nach San José“ und ist Fitnesstrainerin, Vater Pete – ein guter Baseballspieler – hat auch studiert und wirkt als Techniker an einer Krankenpflegeschule.

Serena Benavente lebt seit elf Jahren in Heidelberg, zunächst als erste Profispielerin im Team der BasCats USC Heidelberg, seit 2017 als Co-Trainerin der Heidelberger Bundesliga-Damen an der Seite von Chefcoach Dennis Czygan und nun auch als Athletiktrainerin der MLP Academics in der 2. Bundesliga der Herren. Man sieht Serena Benavente an, dass sie nicht die Tochter eines Handschuhsheimer Landwirts und seiner Magd ist, sondern „von auswärts“ gekommen ist. Ihr Wesen ist fröhlicher als das der Kurpfälzer Ureinwohner, ihr Lächeln ist ansteckend, ihre Hände schwingen erklärend durch die Luft, sie antwortet auch auf intimere Fragen mit einer Offenheit, die große Selbstsicherheit ausstrahlt.


Wo ist Ihre Heimat?, lautete die Eingangsfrage, die ihr eine Liebeserklärung zu Heidelberg entlockt. Haben Sie in den USA oder in Deutschland jemals Diskriminierung erlebt oder Rassismus erlitten? Serena Benavente muss nur kurz nachdenken: „Von den USA kann ich nicht sprechen, denn ich kenne eigentlich nur Kalifornien richtig gut. Die Vereinigten Staaten sind so groß. Ich war beispielsweise noch nie an der Ostküste und kann mir darüber kein Urteil bilden. Ich sehe natürlich die Fernsehbilder und weiß über die Black Power-Bewegung und #blacklivesmatter Bescheid“, erklärt die 165 Zentimeter große Sportlerin, die im Kampf mit den längsten deutschen Athletinnen als Spielmacherin der BasCats maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der einst so starke Heidelberger Basketball gegenwärtig wenigstens eine Erstliga-Mannschaft hat.

„Meine Familie ist von Diskriminierung sicher nicht unberührt – ich persönlich weniger, aber von meinen Brüdern gibt es schon ein paar Geschichten“, deutet Serena Benavente an, dass Einwanderer aus Guam auch Benachteiligungen erfahren können, besonders dann, wenn sie im Leben und Beruf erfolgreich sind. Bruder Chris ist Luftwaffensoldat, Jonathan freiberuflicher Fotograf, dort wie hier ein harter Job. Was die Rassismus-Erfahrungen der Brüder anbelangt, möchte Serena nicht ins Detail gehen.
In Deutschland kann Serena Benavente mit ihrer 32-jährigen Freundin Toni in Ruhe und Frieden leben. Sie weiß natürlich, dass sich hierzulande Rassisten, die jahrzehntelang im Schatten gewirkt haben, mehr und mehr ans Tageslicht trauen und dass es viele rassistische Gruppen und sogar gefährlichen rassistischen Terror gibt, doch war sie von solchen Anfeindungen noch nie persönlich betroffen. Weder aufgrund ihrer Herkunft, noch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. „Anfangs war das natürlich ein bisschen kompliziert, aber wir haben einfach unser Leben gelebt und unser Privates nicht an die große Glocke gehängt. Wir sind nicht jeden Sonntag Händchen haltend durch die Hauptstraße gelaufen“, lacht Serena Benavente und fügt fast ein bisschen trotzig hinzu: „Heute machen wir das aber schon ab und zu, und wer sich daran stört, soll sich eben daran stören. Das trifft mich nicht, denn ich mache vieles mit mir selbst aus und brauche andere nicht dazu. Natürlich pflegen wir einen Lebensstil, der nicht jedem gefällt. Aber das berührt uns nicht.“

Dann lässt Serena Benavente aber wissen, dass sie gute Gespräche mit Freunden, entspannende Stunden mit Kaffee und Kuchen und den Gedankenaustausch mit liberalen Menschen durchaus sehr schätzt und genießen kann: „Ich weiß, dass es in jeder Gesellschaft faule Äpfel gibt. Deshalb versuche ich, das Beste in einem Menschen zu erkennen. Wenn ich aber überhaupt nichts Gutes entdecke, beschäftige ich mich nicht weiter damit. Anfeindungen solcher Leute wären mir egal, doch mit anderen Menschen bin ich stets zur Diskussion bereit.“

Serena Benavente ist Bachelor und Master in Kinesiologie und berät ihre Spielerinnen und Spieler in Fragen der sportlichen Lebensführung und Trainingssteuerung. Wie viel Training ist gut? Wie viel Schlaf brauche ich? Welche Ernährung ist die richtige? Welche Kraftübungen nützen mir? Welche Muskelgruppen benötigen Regeneration? – solche Themen eben. Als sich während des Gesprächs vor der „Cantina“ des Olympiastützpunkts im Neuenheimer Feld ein Rugby-Ass nähert und höflich fragt, ob Serena sich mal ein befreundetes Mädchen nicht aus dem Basketball anschauen könne, die körperliche Probleme habe, erscheint wieder dieses wunderschöne Lächeln in ihrem Gesicht. Sie sagt zu: „Das empfinde ich als Wertschätzung.“

Claus-Peter Bach am 27. Juni 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

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Serena Benavente im Gespräch mit der Rhein-Neckar-Zeitung. Foto: vaf

Samstag, 20. Juni 2020

So war es im Olymp doch schon immer

Über Ethik und Moral im Internationalen Olympischen Komitee

Ich hoffe sehr, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, sie können verzeihen, dass mein Papagei der vielen, vielen Stunden erst in der Quarantäne und dann im Homeoffice ein bisschen überdrüssig geworden ist. Er ist kürzlich davongeflattert und hat in einer Buchhandlung das knapp 500 Seiten dicke Werk „Percy Jackson erzählt griechische Göttersagen“ aufgestöbert.  

Der Autor Rick Riordan, ein Englisch- und Geschichtslehrer aus Boston in Trumponien, lässt den 16-jährigen New Yorker Percy die alten Geschichten erzählen, die wir von Homer römisch I (um 850 vor Christus) kennen, der sie in Hexametern aufgeschrieben hatte. Percy erzählt mehr in der Sprache von Homer II (Simpson, um 2020 nach Christus), so dass wir zwar alles prima verstehen und dennoch überrascht sind, dass Percy sich als Halbgott, als Sohn des Meeresgottes Poseidon in Menschengestalt, vorstellt.
Percy hat die Geschichten zunächst seiner Freundin Annabeth vorgelesen, die ihn immer dann, wenn es besonders grausam und blutig wurde, einbremsen konnte. Irgendwie sind 16-jährige Mädchen vernünftiger als gleichaltrige Jungs, wenngleich sie in der Schule gerne damit prahlen, mit einem Halbgott liiert zu sein...

Percy schildert detailgenau das Leben und Wirken der Götter im Olymp und lässt nichts aus, was sie zwischen Himmel und Hölle angestellt haben. Insgesamt kann man festhalten, dass die olympischen Götter der Antike mit Ausnahme der dem Bündnis 90/Die Grünen zuzuordnenden Demeter große Schlingel, ja regelrechte Gauner waren: Dionysos ein hemmungsloser Säufer, Ares ein Mörder und Vergewaltiger, Aphrodite eine Verführerin selbst minderjähriger Jungs, Hades ein einfallsreicher Folterer von Seelen der Verstorbenen bis in alle Ewigkeit, oder Hermes, der mit geflügelten goldenen Schuhen durch die Welt flitzte und die unheilvollen Strafmaßnahmen seiner Kolleg*innen (oft zu spät) ankündigte. Und dann bei allen immer diese Gier nach Glamour und Gold...

Da auch im Olymp die Weisheit „wie der Herr, so das Gescherr“ galt, war Göttervater Zeus der Übelste von allen. Er trat oft inkognito als Adler, Schlange, Schwan oder Ameise in Erscheinung, war – obwohl eigentlich für Recht und Ordnung im Universum zuständig – ein Gewalttäter, der andere das Fürchten lehrte, und wenn ihm etwas gegen den Strich ging, schleuderte er einen tödlichen Blitzstrahl aus dem Olymp; dann gab es Nachschub für Hades. Den Hashtag #greeklivesmatter ignorierte er konsequent, und als das Volk der Thessalier ihm zu wenige Tiere opferte, rottete er kurz mal die ganze Menschheit aus, indem er einen Tsunami über die Küsten schwappen ließ. Als der hochstaplerische Prinz Salmoneus mit einem goldenen Wagen poste und lauthals verkündete, er sei Zeus, traf ihn ein gezackter Blitzstrahl. Der Göttervater büxte oft aus dem Olymp aus, strich als Wanderer durch die Welt (wie es auch sein nordischer Kollege Wotan gerne tat) und hinterließ überall schwangere Frauen. Ob das auch heute noch so ist, wissen weder Percy noch mein Papagei.

„Irgendwie hat sich aber nicht viel geändert“, stellte mein Papagei fest, nachdem er „Fair Play im Sport“ aus der Schriftenreihe der Deutschen Olympischen Gesellschaft (Zweigstelle Darmstadt) studiert hatte. Wie die Redakteure Rainer Paepcke und Walter Schwebel in einem Epilog und nicht in Hexametern (!) betonen, geht es der DOG nicht nur um Fair Play, sondern auch „um Leistungsbereitschaft, Teamgeist und Völkerverständigung“, um die Kernpunkte der Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) also.

Auf den Seiten 10 und 11 dieser Schrift kommen die Autoren auf die olympischen Götter der Neuzeit zu sprechen und behaupten kühn: „Das IOC heute: Bodenhaftung verloren“. Im Olymp werde vermisst: „Die Förderung und Pflege der Ethik des Sports“.
„Hoffentlich trifft die Jungs jetzt nicht ein gezackter Blitzstrahl“, betet mein Papagei für das Leben der Darmstädter, die in ihrer IOC-Kritik auch zwei namhafte Sportler zu Wort kommen lassen. Franz-Josef Kemper (72), 1972 in München Olympiavierter über 800 Meter, stellt fest: „Auf der Sportbühne werden nicht nur schöne Stücke gespielt. Die Unfähigkeit des IOC, den Spielen einen vernünftigen Umfang vorzuschreiben, bei der Vergabe der Spiele die klimatischen und ökologischen Argumente vor den ökonomischen zu berücksichtigen, die unbefriedigenden Ergebnisse der Dopingfahndung und die ungezählten Korruptionsfälle im höchsten Gremium selbst haben dessen Image stark ramponiert.“ Und Harald Pieper (80), langjähriger Chefredakteur von „Olympisches Feuer“, äußert sich explizit zu Zeus: „Dr. Thomas Bach setzt seine Ziele eher in persönlich gute Beziehungen zu Königen und Staatslenkern und drückt sich vor angemessenen Sanktionen gegen zum Beispiel Russland, von dessen Staatsdoping er die volle Kenntnis haben musste.“

Die IOC-Kritik der DOG schließt philosophisch: „,Ethik ist wichtiger als Religion’, sagt der Dalai Lama. Auf jeden Fall ist Ethik wichtiger als das Durchsetzen persönlicher Interessen, als Gewinnmaximierung und Großmannssucht im Umfeld des IOC!“
Dem hat mein Papagei ausnahmsweise mal nichts hinzuzufügen.

Claus-Peter Bach am 20. Juni 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung



Schneller schlauer mit der Rhein-Neckar-Zeitung! 

Donnerstag, 11. Juni 2020

Für Daniel Strigel zählt nur das Wohl der Athleten

Über das 10. Dienstjubiläum des Leiters am Olympiastützpunkt Metropolregion Rhein-Neckar
  
Am 8. Juni feiert der 45-jährige Mannheimer Daniel Strigel sein zehntes Dienstjubiläum als Leiter des Olympiastützpunkts der Metropolregion Rhein-Neckar – für den ehemaligen Weltklasse-Fechter ist das allerdings kein Anlass zu größeren Feierlichkeiten.

Daniel Strigel hat bei den Olympischen Spielen 2004 in Sydney die Mannschafts-Bronzemedaille im Degenfechten gewonnen und war 2005 Vizeweltmeister mit dem deutschen Team. Nach diesen Erfolgen wurde ihm von Bundespräsident Horst Köhler das Silberne Lorbeerblatt verliehen. 2006 begann seine berufliche Laufbahn, passenderweise als Leiter des Fecht-OSP in Tauberbischofsheim. 2010 wechselte er als Nachfolger von Hans Leciejewski, der das Haus im Neuenheimer Feld 710 wohl bestellt übergab, zum OSP nach Heidelberg. Rückblickend sagt Daniel Strigel: „Ich hatte in diesen zehn Jahren kein herausragendes Erlebnis. Mein Job ist ein Vorgehen in kleinen Schritten, das Abtragen eines hohen Berges mit einem Teelöffel.“ Die Rahmenbedingungen für die am OSP betreuten Athleten seien 2010 sehr gut gewesen „und sind heute noch besser.“

Gleichwohl haben Athletinnen und Athleten, die ihren Trainingsmittelpunkt in der Kurpfalz haben und die Serviceleistungen dieses OSP in Anspruch nehmen, herausragende Erfolge errungen. Daniel Strigel nennt den Kanuten Max Lemke (23) vom WSV Mannheim-Sandhofen, der dreimal hintereinander Weltmeister im Vierer geworden ist, oder Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo (26) vom TSV Oftersheim oder Denis Kudla (25) aus Schifferstadt, der bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro Ringer-Bronze gewann und 2017 in Paris Vizeweltmeister war, oder den sehbehinderten Judofighter Nikolai Kornhaß (27) vom 1. Mannheimer JC, der in Rio Bronze von der Matte gekratzt hatte, oder Erik Pfeiffer (33) aus Leimen, der 2014 als erster Deutscher Weltmeister im Aiba Pro Boxing wurde, oder...


„Es war eine Mega-Überraschung“, sagte Daniel Strigel, dass die Siebenerrugby-Nationalmannschaft, obwohl wie Golf erst seit 2016 in einem olympischen Wettkampfsport aktiv, sich am OSP in Heidelberg „sehr gut“ entwickelt und zwei bedeutende Erfolge erzielt hat: 2018 die Vizeeuropameisterschaft und 2019 den EM-Titel vor Frankreich und Irland.

Klar ist, dass in diesen ersten zehn Jahren des Daniel Strigel am OSP nicht tägliche Freudenfeiern stattgefunden haben, sondern beharrliche Arbeit zu leisten war und die Umsetzung der deutschen Spitzensportreform manche neue Organisationsform erforderte. „Handfeste Schwierigkeiten hatte ich nie“, sagt Daniel Strigel, für den es allerdings eine permanente Herausforderung ist, den Athleten und Fachverbänden zu verdeutlichen, welche Unterstützungsmöglichkeiten der Stützpunkt anbieten kann und welche Hilfen bisher nicht genutzt werden. Er freut sich über ein vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften gefördertes Forschungsprojekt der Universitäten Göttingen und Tübingen, das die bessere Vernetzung von Athleten, Trainern, Bundesstützpunktleitern und Verbänden zum Ziel hat.

Die Zeitspanne „Heidel“ (= mindestens sieben Jahre) bezeichnet, wie lange es in der wenig dynamischen Stadt Heidelberg dauert, ein wichtiges Projekt zu verwirklichen. Zwei „Heidel“, fast 15 Jahre, wird es gedauert haben, bis die Boxhalle, ein einfacher und mit knapp vier Millionen Euro recht kostengünstiger Anbau an den OSP, im Sommer 2021 fertiggestellt sein wird. Das ist ein Meilenstein – nicht nur für die Boxer.

Von Claus-Peter Bach am 8. Juni 2020 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Bildtext:

Daniel Strigel (2. v.r.) mit LSV-Geschäftsführer Ulrich Derad, DOSB-Leistungssportdirektor Dirk Schimmelpfennig und Prof. Hanns Michael Hölz, dem ehemaligen Vorsitzenden des OSP Rhein-Neckar. Foto: vaf