Donnerstag, 31. Januar 2019

Vor dem Sechs-Nationen-Turnier im Rugby

Irland ist Titelverteidiger und Favorit

Am 1. Februar2019 um 21 Uhr beginnt das 20. Sechs-Nationen-Turnier der führenden europäischen Rugbyteams, in dem Irland seinen im Vorjahr zum vierten Mal gewonnenen Titel verteidigen möchte. Das Team von Kapitän Rory Best, erneut gecoacht von dem Neuseeländer Joe Schmidt, hat gute Chancen auf den vierten Gesamtsieg, denn die ewigen Konkurrenten England und Frankreich müssen in dieser Saison im Aviva-Stadion von Dublin antreten.
Irland, das 2018 alle fünf Spiele und damit den Grand Slam gewonnen hatte, spielt am Samstag um 18.45 Uhr gegen England, steht in der Weltrangliste auf Platz zwei (91,17 Punkte) hinter Weltmeister Neuseeland (92,54) und möchte im Sechs-Nationen-Turnier den guten Eindruck bestätigen, den die starken Männer von der – im Rugby vereinigten – Grünen Insel im letzten Jahr, unter anderem mit einem 16:9-Sieg über die All Blacks in Dublin, hinterlassen hatten. England ist Vierter im Weltranking. Klar ist, dass der Sieger des Sechs-Nationen-Turniers Mitfavorit auf den Weltmeistertitel sein wird, der vom 20. September bis zum 2. November 2019 mit 20 Nationen in Japan ausgespielt wird. Deutschland ist nicht dabei, da das Team des englischen Trainers Mike Ford nach den vier Qualifikationsrunden 2018 den 21. Platz belegt hatte.

Heute Abend stehen die Franzosen, von Trainer Jacques Brunel wieder einmal neu formiert, im ausverkauften Stade de France an der nördlichen Peripherie von Paris gegen Wales stark unter Druck. Im Vorjahr nach nur zwei Siegen Vierter, sind die Franzosen in der Weltrangliste auf den neunten Platz abgerutscht, nachdem es am 24. November sogar eine 14:21-Heimniederlage gegen Fidschi gegeben hatte. Wales hingegen geht als Vorjahreszweiter ins Turnier, hat einen bärenstarken Sturm und eine pfeilschnelle Dreiviertelreihe. Trainer Warren Gatland, auch ein Neuseeländer, der zu Hause keine Karriere machen konnte und erfolgreich in einer Home Union des Rugbyspiels arbeitet, sieht sein Team so stark, dass die Superkicker Leigh Halfpenny nicht im Kader und Dan Biggar nur auf der Ersatzbank sind. Wales ist Dritter der Weltrangliste (87,24 Punkte).

Am Samstag um 16.15 Uhr ist der Vorjahresdritte Schottland, die Nummer sieben der Weltrangliste (81,84 Punkte), auf seinem Murrayfield in Edinburgh Favorit gegen den sieglosen Vorjahresletzten Italien, das im World Rugby-Ranking auf Platz 15 (72,75 Punkte) zu finden ist.

Die deutsche Nationalmannschaft ist vom Spielniveau der Six Nations zwar noch ein wenig entfernt, bereitet sich aber seit zwei Wochen in Heidelberg intensiv auf die fünf Spiele der Europameisterschaft vor. Am 2. März um 15 Uhr wird das Match gegen Russland, den EM-Zweiten von 2018 und WM-Teilnehmer 2019, im Heidelberger Fritz-Grunebaum-Sportpark stattfinden. Eintrittskarten im Vorverkauf gibt es unter www.adticket.de. Am Montag um 14 Uhr bekommt die deutsche Fünfzehn in ihrem Heimstadion Besuch von „Bill“, dem Rugby-Weltcup. Die goldene Trophäe wird auch von den Talenten der Heidelberger Vereine willkommen geheißen.

Das Sechs-Nationen-Turnier 2019
1. Spieltag, heute, 21 Uhr: Frankreich - Wales (Stade de France, St. Denis);Samstag, 16.15 Uhr: Schottland - Italien (Murrayfield, Edinburgh); 18.45 Uhr:Irland - England (Aviva Stadium, Dublin).
2. Spieltag, Samstag, 9. Februar, 16.15 Uhr: Schottland - Irland; 17.45 Uhr:Italien - Wales (Olympiastadion, Rom); Sonntag, 10. Februar, 17 Uhr: England - Frankreich (Home of Rugby, Twickenham).
3. Spieltag, Samstag, 23. Februar, 15.15 Uhr: Frankreich - Schottland; 18.45 Uhr: Wales - England (Principality Stadium, Cardiff); Sonntag, 16 Uhr: Italien - Irland.
4. Spieltag, Samstag, 9. März, 16.15 Uhr: Schottland - Wales; 18.45 Uhr:England - Italien; Sonntag, 10. März, 17 Uhr: Irland - Frankreich.
5. Spieltag, Samstag, 16. März, 13.30 Uhr: Italien - Frankreich; 16.45 Uhr:Wales - Irland; 19 Uhr: England - Schottland. - Alle Spiele live bei France 2, BBC und ITV.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Zur Handball-Weltmeisterschaft 2019 in Deutschland

Handball ist anders

Obwohl es gegenwärtig ziemlich kalt ist, was der Winter in der guten alten Zeit übrigens häufiger war, habe ich meinen Papagei um einen Rundflug nach Berlin, Köln und Hamburg gebeten, um von oben herab, quasi mit unverstelltem Blick, zu überprüfen, ob es bei der Handball-Weltmeisterschaft wirklich so mitreißend zugeht, wie es die fröhlichen Reporter von ARD und ZDF immer behaupten und Tillmann, unser Mann vor Ort, hartnäckig bestätigt. Mein Papagei, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, hat also sein Wintergefieder aufgeplustert, ist hurtig losgeflogen und gibt folgenden Lagebericht:

Es seien vor und in den Hallen mehr Zuschauer als Polizisten, was erstaunlich sei, weil wir vom Fußball und insbesondere von den sogenannten Hochrisikospielen ganz anderes gewohnt sind. Wenn beispielsweise der Karlsruher SC gegen die Sportfreunde vom 1. FC Kaiserslautern spielt, sind 22 Spieler und ein Schiedsrichter auf dem Platz, rund 25 000 mehr oder weniger normale Menschen als Zuschauer auf den Rängen und zwei Tausendschaften Ordnungshüter im und vor dem Stadion, die den Verkehr regeln, stundenlang in die Fan-Blocks starren und nach dem Spiel eine ganze Nacht lang mit den „Ultras“ beider Klubs Fangen im Wildpark spielen. Beim Handball sind pro Spiel kaum hundert Beamte engagiert. Sie müssen auch nicht rennen und jagen, sondern stehen aufmerksam herum und gucken ab und zu mal in einen Rucksack. An den Eingängen werden die Zuschauer von Ordnern abgetastet, Männer seltsamer Weise gründlicher als Frauen, obwohl Adam schon im Paradies erfahren musste, dass vom Weibe gar manche Gefahr ausgeht.

Die Zuschauer der Handball-WM seien völlig harmlos, berichtete mein Papagei aus der deutschen Hauptstadt, wo zwar insgesamt viele Fahrzeuge mit Blaulicht unterwegs seien, in denen aber keine Handballer, sondern meistens Politiker führen, die eilig auf dem Weg zum Feierabend-Cocktail in der saudischen Botschaft sind. Dort könne man jeden Abend ein paar Waffen verscherbeln.

In der Mercedes-Benz-Arena aber wird nicht einmal Pyrotechnik gezündet – wohl weil das Handball-Publikum weiß, dass man mit Bengalischen Feuern und bunten Leuchtraketen Mitmenschen gefährdet und keine Spiele gewinnen kann. Diese unbestreitbaren Tatsachen haben sich unter Fußball-Fans noch nicht ganz herumgesprochen.

Zur Freude meines Papageis waren weder in Berlin noch in Köln Spruchbänder zu entdecken, auf denen Dietmar Hopp im Fadenkreuz abgebildet ist. Das ist insofern erstaunlich, dass die Domstadt ja nicht so sehr weit von Dortmund entfernt ist. Außerdem strebt der Kölsche Karneval seinen tollsten Tagen entgegen, an denen auch an und für sich vernünftige Menschen allerlei Unfug umtreibt. Aber nein: Hopp steht nicht im Fadenkreuz der Handball-Anhänger, vielleicht auch deshalb, weil seine Familie so viele löwenhafte Nationalspieler alimentiert, die sich in die Herzen der schwarz-rot-goldenen Fans gekämpft haben.

Am meisten hat meinen Papagei der Gesang der deutschen Spieler beeindruckt, die mit den 19 250 Fans in der Lanxess Arena einen riesigen Chor gebildet und die dritte Strophe von Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ so inbrünstig in die TV-Mikrofone gesungen haben, dass man zu Hause auf der Couch ahnen konnte, welche stärkende und vom Lampenfieber befreiende Wirkung es für Leistungssportler hat, gemeinsam die Nationalhymne zu schmettern. „Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, das ist einfach nur schön“, findet mein Papagei, der einen gewissen Heiner Brand auf der Tribüne beobachtet hat und sah, wie dem letzten Weltmeistertrainer vor Ergriffenheit der Schnorres wackelte.

Aufgespießt in der RNZ vom 26. Januar 2019

Montag, 17. Dezember 2018

Über die Heidelberger Masters-Schwimmer


Die Freude am Wettkampf bleibt

Waren Sie schon einmal bei einem Schwimmfest, bei dem Athleten mit Bärenfellmützen zum Startblock schreiten? Christine Comtesse hat das erlebt, weshalb es nicht verwundert, dass die Athletin des SV Nikar Heidelberg – und mit ihr vier rüstige junge Männer und eine junge Frau – so gut wie keine Gelegenheit auslassen, zu internationalen Schwimmfesten zu reisen, um das zu erleben, dass den Sport abseits von Profitum und Kommerz so reizvoll macht: Spaß am Wettkampf und an der Begegnung mit Sportlern aus aller Welt.

Christine Comtesse, weniger berühmt als Ursel Wirth-Brunner, aber vom Schwimmen genauso begeistert wie Deutschlands „Sportlerin des Jahres 1963“ und Olympia-Medaillengewinnerin 1960 in Rom, hatte mit ihrem Hobby Schwimmen auch begonnen, als man noch bedenkenlos in den Neckar hüpfen und sich als Wasserratte von den Schleppkähnen flussaufwärts transportieren lassen konnte. „1950 bin ich in den SV Nikar eingetreten, und 2017 habe ich bei der Weltmeisterschaft in Sofia fünf Goldmedaillen gewonnen“, erzählt Christine Comtesse, nippt am Wasserglas und fügt mit einem entschuldigenden Schulterzucken hinzu: „2018 bei der Europameisterschaft in Slowenien waren es nur drei Bronzemedaillen.“ Dabei ist es der früheren Pflegepädagogin der Universität Heidelberg, die unzählige gesunde Krankenschwestern ausgebildet hat, eigentlich nicht so wichtig, ob sie bei einem Schwimmfest Medaillen aus dem Becken fischen kann.

„Hauptsache, ich habe Spaß gehabt und viele Eindrücke sammeln können“, betont Christine Comtesse, denn wer eine Reise tut und sich in der Altersklasse 75 der Masters-Schwimmer mit zehn hartnäckigen Konkurrentinnen aus Australien, Japan, Kanada und den USA gemessen hat, möchte seinen beiden Kindern und zwei Enkelkindern auch etwas erzählen: Die russischen Schwimmer mit den Bärenfellmützen hatten großen Eindruck gemacht, und berichtenswert ist es auch, dass Masters-Schwimmer, die als Letzte anschlagen, vom Publikum immer besonders herzlich beklatscht werden.

Die vier jungen Männer, die Christine Comtesse bei ihren Ausflügen begleiten, sind Lars Kalenka (45), Adrian Görler (50), Stephan Klevenz (50) und Marc Vaupel, der in der Altersklasse 55 antritt. Lars Kalenka, 1991 für die TG Heddesheim Deutschlands bester Rückenschwimmer und 2013 für den SV Nikar „Seniorensportler des Jahres“ in Heidelberg, ist in jungen Jahren so gerne international gestartet, dass er das einfach immer weiter macht und 2017 in Budapest mit dem Weltmeistertitel über 400 m Freistil und Silber in seiner Spezialdisziplin 200 m Rücken belohnt wurde. Bei der EM 2018 im slowenischen Kranj gab’s für den Personalberater Gold über 50, 100 und 200 m Rücken sowie über 400 m Freistil, obwohl er seinen Sport „nur noch zum Spaß und längst nicht mehr so zwanghaft wie früher“ ausübt. Dass er bei den Masters-Titelkämpfen immer wieder großen Schwimmern früherer Zeiten wie dem vierfachen Olympiasieger Wladimir Salnikow aus Leningrad begegnet, ist ihm eine große Freude und Leistungsanreiz. Man will schon beweisen: Was der kann, kann ich auch. Und im menschlichen Miteinander der Masters-Schwimmer gilt der Grundsatz: Vor dem Wettkampf sind wir Freunde, im Rennen wird gefightet, bis man blau anläuft, und nach dem Rennen wird geflachst, erzählt und das eine oder andere anregende Getränk verkostet.

Adrian Görler und Stephan Klevenz, als Software-Entwickler Kollegen in Walldorf, blicken ebenfalls auf schöne Erlebnisse zurück. Görler startete in Kranj über 100 m Freistil und belegte den für ihn höchst befriedigenden zehnten Platz, während Klevenz bei der deutschen Freiwasser-Meisterschaft 2017 in Hamburg den fünften Rang eroberte. Im gleichen Jahr schwamm er von Asien nach Europa, denn er nahm mit 2400 Schwimmern am Rennen durch den Bosporus teil und wurde nach 6,5 Kilometern 23. im Gesamtklassement und Sieger seiner Altersklasse 50. „Das Bosporus-Rennen ist das größte Schwimmereignis der Welt, und wie bei vielen Schwimmfesten gab es neben der Medaille ein nützliches Präsent für die Besten: ein Handtuch“, freut sich Stephan Klevenz und trainiert bereits für den nächsten Sommer.

Kaufmann Marc Vaupel ist als Schwimmer viel beschäftigt, denn er genießt ein Zweitstartrecht für den SCW Eschborn. Bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften im November in Gelsenkirchen glänzte er mit zwei deutschen Schmetterlingsrekorden, bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft in Gaualgesheim schwamm er im Januar drei deutsche und zwei europäische Rekorde.

Das Nesthäkchen unter den Nikar-Masters ist Julia Dammann, die in der Altersklasse 25 bis 29 ähnlich erfolgreich ist wie Christine Comtesse – Weltmeisterin 2017 und Europameisterin 2018 über 200 m Brust. Die Rostockerin kam als junges Mädchen an den Olympiastützpunkt Rhein-Neckar, besuchte das Willy-Hellpach-Wirtschaftsgymnasium, entwickelte sich bei Trainerin Uta Brandl zur Topathletin im Brustschwimmen und arbeitet nun als Erzieherin. Die Freude am Schwimmen und am Wettkampf hat sie nie verloren. Wie ihren Masters-Freunden hat ihr eine Sportpause diese Freude nicht genommen.

RNZ vom 15./16. Dezember 2018


Montag, 26. November 2018

Über das Abschneiden der Rugby-Nationalmannschaft bei der WM-Qualifikation in Marseille

„Schwarze Adler“ haben sich Respekt verschafft

Die deutsche Rugby-Nationalmannschaft wurde mit viel Beifall ihrer Schlachtenbummler und angemessenem Lob der Fachleute aus der zweiwöchigen WM-Qualifikation in Marseille entlassen. Das Team von Kapitän Michael Poppmeier (SC Frankfurt 1880) hat zwar wegen der 10:29-Niederlage gegen Turniersieger Kanada das drittgrößte Sportereignis nach der Fußball-WM und Olympia verpasst, sich aber mit allen drei Turnierspielen und vor allem mit dem abschließenden 43:6-Erfolg gegen Kenia Respekt verschafft.

Im Rugby zählt jeder Sieg und wirkt sich direkt auf die Weltrangliste aus. Die Deutschen sind auf Platz 29 ins Turnier gestartet und werden am heutigen Montag erfahren, was der Lohn ihrer Mühen ist. World Rugby wird die neueste Rangliste veröffentlichen. Im Rugby ist es bei einer Tournee im Ausland aber auch von Bedeutung, die Serie zu gewinnen, was den Spielern von Bundestrainer Mike Ford (England) mit 2:1 gelungen ist.

Bill Beaumont (66) hätte seine Serie auch gerne gewonnen. Der englische Zweite-Reihe-Hüne, der sein Nationalteam 1980 zum Grand Slam im Fünf-Nationen-Turnier geführt hatte, war im gleichen Jahr Kapitän der British & Irish Lions, die bei ihrer Südafrika-Tournee mit 0:3 scheiterten und von den „Springboks“ drei Mal bezwungen wurden. Heute ist Bill Beaumont Präsident von World Rugby und sagte in Marseille: „Die deutsche Mannschaft hat mich beeindruckt und keinesfalls enttäuscht. Das Team ist auf einem guten Weg und hat mit Mike Ford, den ich sehr gut kenne, einen exzellenten Trainer. Ich hoffe, dass sie ihren Weg weiter gehen können und dass es dem Verband gelingen wird, Rugby gut zu entwickeln.“ Und Gilbert Celli (San Marino), seit zwei Jahren Generalsekretär von Rugby Europe, sagte: „Gegen Kenia hat mich das deutsche Team begeistert. Leider waren die Kanadier noch einen Tick besser. Sie haben es verdient, bei der WM 2019 in Japan zu spielen.“

Darüber gab es in Marseille keine zwei Meinungen. Das deutsche Team, nach der Nachnominierung von Steffen Liebig (Heidelberger Ruderklub) für den verletzten Jamie Murphy (Bridgend Ravens) 31 Spieler und 16 Mitglieder des Funktionsstabes, hatte in jedem ihrer drei Turnierspiele sehr starke, aber auch einige unglückliche Spielphasen. Beim 26:9 gegen Hongkong war die erste Halbzeit (6:6) von überhastetem Spiel geprägt, ehe Ruhe einkehrte und der Knoten platzte. Bei der Verteidigungsschlacht gegen Kanada waren die ersten Minuten der zweiten Halbzeit fehlerhaft und spielentscheidend, als aus dem 7:10 ein 7:17 wurde. Und gegen Kenia wurden in der ersten Halbzeit (zu) viele Chancen vergeben, ehe die Afrikaner unter den Augen ihres kontinentalen Präsident Abdelaziz Bougja (Marokko) dem deutschen Powerplay nicht mehr gewachsen waren und klassisch ausgespielt wurden. Als Fazit bleibt: Wenn die „Schwarzen Adler“ viel verteidigen müssen und kontern können, sind sie gut. Wenn sie das Spiel machen müssen und der Gegner nur wenige Chancen zulässt, haben sie Steigerungspotenzial.

In Marseille war Flankenstürmer Sebastian Ferreira, in Chambéry unter Vertrag, der beste Spieler aller vier Teams und hat sich das Prädikat „Weltklasse“ verdient. Bester Punktesammler war Verbinder Raynor Parkinson vom SC Frankfurt 1880 mit 26 der insgesamt 79 deutschen Punkte aus vier Straftritten und sieben Erhöhungen. Ferreira erzielte mit drei Versuchen 15 Punkte, Hakler Kurt Haupt zehn Punkte, Matthias Schösser, Dash Barber, Jacobus Otto, Steffen Liebig und Harris Aounallah jeweils fünf und Christopher Hilsenbeck drei Punkte.

Ob Mike Ford die Fünfzehn weiter betreuen darf, wird sich am 8. Dezember entscheiden, wenn DRV-Präsident Robin Stalker (Nürnberg) den Führungsgremien seinen Geschäftsplan, den Personalplan und das Budget vorlegen wird. Kapitän Poppmeier (36) sagte zu seiner Zukunft: „Ich bin dabei, wenn Ford weitermacht.“ Das gilt auch für andere.


RNZ am 26. November 2018

Über die WM-Qualifikation im Rugby in Marseille


Bei Bouillabaisse und Andouillette

Frankreich ist blockiert. Aus Protest über die Benzinpreis-Erhöhung und die Kürzung von Sozialleistungen haben fast 300 000 Bürgerinnen und Bürger in gelben Signalwesten rund 2080 Verkehrsknotenpunkte im ganzen Land besetzt. Die Aktionen zeigen Wirkung, zumal die Sonntagsfrage eines Nachrichtensenders ergeben hat, dass nur 25 Prozent der Franzosen ihren Staatspräsidenten Emmanuel Macron noch mögen. „Hauptsache, das Essen schmeckt!“, flötet mein Papagei angesichts der gut frequentierten Restaurants im Alten Hafen von Marseille und fügt ein bisschen altklug hinzu: „Zum Demonstrieren braucht man Kraft.“

Zum Rugbyspielen auch, weshalb es kein Wunder ist, dass während der WM-Qualifikation in Europas größter Hafenstadt immer wieder Gruppen von Nationalspielern den Quai des Belges oder den Quai du Port entlangschlendern. Den Anfang machten die Spieler aus Hongkong, die vom Weltverband in Marseille einquartiert wurden, weil sie vor dem Turnier in der Weltrangliste am besten platziert waren. Hongkong hat mit Yiu Kam Shing nur einen einzigen Spieler mit chinesischen Wurzeln im 30-er Team, alle anderen Akteure kommen aus Australien, Großbritannien, Neuseeland oder Südafrika. „Einer heißt Max Denmark“, weiß man Papagei, „das verrät doch alles!“ Die Spieler Hongkongs sind fröhlich und bevölkern gerne die Filialen des Fußballklubs Olympique, dessen weiß-blaue Trainingsanzüge tatsächlich todschick sind.

Am Sonntagabend marschierten die etwas außerhalb wohnenden Hünen aus Kanada an den gut 2 000 großen und kleinen Yachten vorbei, angeführt von Jamie Cudmore (40), dem berühmtesten kanadischen Rugbystürmer, der mit seinen 118 Kilogramm auf 1,96 Meter bei seinen europäischen Klubs in Llandovery, Llanelli und Grenoble einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte und 2010 mit dem AS Clermont-Auvergne als erster Kanadier französischer Meister geworden war. Cudmore führte seine am Vorabend gegen Deutschland siegreichen jungen Landsleute – in einen Irish Pub...

Dabei hat der starke Mann gewiss gewusst, dass in Marseille Besonderes geschieht. Hier geht die Küche des Mittelmeers mit den leckeren Gemüsen, der würzigen Bouillabaisse, den zarten Goldbrassen und den frischen Krustentieren mit den Spezialitäten aus der Provence, den Schinkenbraten, den Kalbsnieren oder den Andouilletten, dicken Würstchen aus Darm und Magen von Schweinen, eine glückliche Ehe ein. Nicht von ungefähr sind die Griechen um 600 vor Christus hier angelandet, und dass zum Anwärmen des Magens der Pastis de Marseille erfunden wurde, ist auch kein Zufall.

Misserfolg wird im Rugby bestraft. Weil die meisten deutschen Asse die fünf Spiele der Europameisterschaft 2018 bestreikt hatten, war das Team auf Ranglistenplatz 29 abgesunken und erhielt wie Kenia ein Quartier im Novotel von Aix-en-Provence, gute anderthalb Stunden vom Alten Hafen entfernt. „Wir haben es dort gut“, versicherte Teamchef Kobus Potgieter, zumal es ihm gelungen sei, den Küchenchef etwas umzuschulen: „Weniger Pommes frites und nicht so viel Weißbrot, mehr Sportlernahrung.“ Die Spieler, obwohl alle schon über 18, trinken nur Wasser, Orangina oder Apfelsaftschorle, die Trainer dürfen ihre Zungen durchaus auch mal im Merlot oder dem zu Meeresfrüchten besonders gut passenden Picpoul de Pinet baden.

Am Dienstag freilich, als mein Papagei über dem Hafen kreiste und seinen Freundinnen, den Möwen mit den gelben Schnäbeln, zusah, wie sie sich auf den Beifang der Fischer stürzten, spazierten auch die deutschen Nationalspieler durch Marseille. Nach dem kräftezehrenden Spiel gegen Kanada und zwei Analyse- und Pflegetagen hatten sie ihren freien Tag und genossen in der Drei-Millionen-Stadt das sonnige Wetter. Im Hafen gab’s Erfrischungen und ein leckeres Mittagessen, aber keinen „Beifang“, schließlich ist der deutsche Nationalspieler ein durch und durch anständiger Mensch und wird, sofern zur Unterstützung auch im dritten Spiel ans Mittelmeer gereist, von seiner Ehefrau oder Lebensabschnittsgefährtin begleitet.

Gestern Abend aber, nach dem abschließenden Match gegen Kenia, war es endlich soweit: Michael Poppmeier und seine Kameraden durften ein Glas Bier oder einen Wein genießen. Wenn es nach Kobus Potgieter ging, „sogar zwei oder drei...“

RNZ, Aufgespielt am 24. November 2018