Dienstag, 23. April 2019

Über den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel


Milchkühe dürfen weiterbimmeln

Am letzten Mittwoch hat das bayerische Oberlandesgericht in München entschieden, dass ein paar Milchkühe in Holzkirchen weiterhin Glocken tragen und damit auch am frühen Morgen und späten Abend bimmeln dürfen. Diese Stärkung der Grundrechte von Kühen hat meinen Papagei sehr gefreut, der sich schon immer auch für das Schicksal von Vierbeinern interessiert.

Reinhard Grindel, der Leitstier des Deutschen Fußball-Bundes, hat ausgebimmelt, und auch das, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, findet mein Papagei gut. Der 57-jährige Niedersachse, dessen Wahl zum DFB-Präsidenten sich am heutigen Montag zum dritten Mal jährt und dem wir diese Laudatio widmen, hat es in seiner kurzen Amtszeit weit gebracht: Wenn man bei Google „Reinhard“ eintippt, erscheint als Erster der Liedermacher Reinhard Mey (der wie Grindel „Über den Wolken...“ schwebte), dann aber schon der Ikarus aus der DFB-Zentrale im Frankfurter Stadtwald. Der hat sich – auf den ersten Blick – bei seinem Steigflug in höchste nationale und internationale Fußballämter die Flügel an einer Schweizer Uhr verbrannt, die ihm ein ukrainischer Fußballfunktionär namens Grigori Surkis als Zeichen der Freundschaft, Küsschen rechts, Küsschen links, geschenkt haben soll. 6000 Euro, so Grindel, sei der schicke Armschmuck wert, doch der Hersteller Ulysse Narcisse stellte schnell klar, es seien 2017 schon 11 800 Euro gewesen, obwohl die Uhr einen Mangel hat: Sie zeigt den richtigen Zeitpunkt für einen Rücktritt nicht an.

Die falsche Wertangabe kann man Reinhard Grindel nicht zum Vorwurf machen, schließlich hat ein DFB-Präsident oft mit viel höheren Summen zu hantieren, die – neben den Bezügen von Fifa und Uefa – in die eigenen Taschen zu schaufeln sind. Mein Papagei fragt sich übrigens, warum Grindel bei seinen Besuchen in der Kurpfalz nicht den RNZ-Uhrenexperten Manfred Fritz zu Rate gezogen hat...

Wir wissen auch nicht, was Herr Surkis mit seinem Geschenk bezweckt hat. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU neuerdings mit ukrainischen Oligarchen befreundet sind. Wir ahnen aber, dass Grindel den Kampf der Fifa für Ethik, Transparenz und Good Governance nicht richtig ernst genommen hat. Nach dem Gesetz, darauf hat Baden-Württembergs Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) erst kürzlich hingewiesen, dürfen Mitglieder von eingetragenen und gemeinnützigen Vereinen (solche sind der kleine SC Gaiberg wie der große DFB) nur aus besonderen Anlässen und in bescheidenem Maße beschenkt werden. Der Wert solcher Geschenke dürfe 60 Euro nicht überschreiten. Ob der Ministerin damals schwante, dass Herr Grindel von einer DFB-Tochter 78 000 Euro zusätzlich zu seiner Aufwandsentschädigung als Präsident, zu Sitzungsgeldern, Fahrtkostenersatz und Dienstlimousine eingestrichen hatte?

In den Klubhäusern wird schon lange vermutet, dass hohe Funktionäre ihr Ehrenamt falsch verstehen und weniger Leitstiere als Trüffelschweine sind. Im Vereinsrecht aber heißt es wörtlich: „Die Mitglieder dürfen keine Zuwendungen aus Mitteln des Vereins enthalten. Dies ist eine satzungsmäßige Voraussetzung der Gemeinnützigkeit. Nur Zuwendungen im Rahmen einer angemessenen Mitgliederpflege (zum Beispiel das Weihnachtsessen oder die Getränke bei der Jahreshauptversammlung) sind gemeinnützigkeitsrechtlich unschädlich.“

Vor diesem Hintergrund ist der DFB gut beraten, seine Rechtsform zu ändern. Der DFB ist eine Firma mit Millionenumsätzen und sollte in allen Aspekten als solche behandelt werden. Der nächste Leitstier muss eine GbR, eine GmbH oder eine AG führen und sollte, findet mein Papagei, „kein Hornochse sein.“ Dann kann er kassieren, so viel man ihm zubilligt.

Aus: RNZ vom 15. April 2019

Über Fußball-Übertragungen im Fernsehen


 Die Begeisterung der Reporter

Es ist ein bisschen rührend und auf jeden Fall sympathisch, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, dass unser zum EM-Qualifikationsspiel zwischen den Niederlanden und Deutschland entsandter Kollege nach dem 3:2-Erfolg unserer „Löwlinge“ so entzückt war, dass er, obwohl ganz aufgewühlt, brav zu Bett gegangen ist, um anderntags durch die Stadt zu „flanieren“ und sich – sicher zur Verwunderung seiner Ehefrau – in Amsterdam zu verlieben. Dienstreise ja, auch über mehrere Tage, aber das?

Die neue Liebe des Kollegen ist ein Beweis dafür, dass manche Sportreporter nicht stupide ihre Arbeit tun und ihren Artikel pünktlich kurz vor Andruck in die Redaktion senden, sondern dass sie den Sport lieben, mit den Athleten fiebern und über günstige, unerwartet erzielte Resultate glücklich sein können. In solchen Nächten beginnt eine Stadt zu leuchten, obwohl es stockdunkel ist. Die großen Radioreporter haben ihre Begeisterung auch offen gezeigt und ihre Freude hell heraus geschrien. Als Helmut Rahn 1954 im Berner Wankdorf-Stadion das 3:2-Siegtor im WM-Endspiel gegen Ungarn geschossen hatte, rief Herbert Zimmermann drei Mal hintereinander „Tooooor!“ mit fünf „o“, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Zimmermann wäre inzwischen 101 Jahre alt, doch seinen Torjubel haben auch Fußballfans im Ohr, die bei der Heldentat der Fritz und Ottmar Walter, Helmut Rahn, Horst Eckel oder Toni Turek noch gar nicht geboren waren.

Edi Finger aus Klagenfurt ist auch so ein unvergessener Jubler. Als Hans Krankl 1978 beim WM-Spiel zwischen Deutschland und Österreich im argentinischen Córdoba das Siegtor zum 3:2 für die Alpenländler erzielte, rief Finger sogar sechs Mal „Tor!“ mit je drei Mal „o“ und fügte dann das Versprechen an: „I wer narrisch!“ Auch mein Papagei, der viel herumkommt, kann nicht sagen, in welchem Geisteszustand Edi Finger 1989 bei seinem Dahinscheiden gewesen ist. Wahrscheinlich ist, dass er bis zum letzten Atemzug von Krankls Tor beseelt war – vielleicht hatte er sich sogar in Córdoba verliebt?

Heutzutage, es ist eine lästige Erscheinung unserer Zeit, reden Reporter im Fernsehen so viel wie Radio-Journalisten. „Sie müssen für die Übertragungsrechte so viel bezahlen, dass sie die hohen Summen mit besonders vielen Worten, Analysen und Anmerkungen rechtfertigen wollen“, vermutet mein Papagei, der in der Johan Cruijff Arena auf einem warmen Plätzchen unter den Flutlichtstrahlern gesessen und schmunzelnd zugesehen hatte, wie die Reporter von RTL und France 2 und BBC und ORF und vielen weiteren Fernsehanstalten aus aller Welt jeden einzelnen Pass bewerteten, den Stammbaum eines jeden Spielers und dessen Schoßhundes vorlasen und – ganz wichtig! – alle 15 Minuten summarisch berichteten, was sich in den Köpfen der Trainer Ronald Koeman und Joachim Löw abspielte. Nach 45 Minuten glühten unsere Ohren, und wir schlossen die Augen, weil wirklich jeder Quer- und Rückpass der Holländer und jedes Dribbling der forschen Deutschen detailliert reportiert wurden.

Nach 15 Minuten – Leroy Sané hatte soeben etwas vollbracht, was im deutschen Fußball ein bisschen in Vergessenheit geraten war, und das 1:0 erzielt – fiel nach einem tiefen Schnaufer des Reporters erstmals das Wort „Wende“. Nach 34 Minuten und Serge Gnabrys 2:0 gruben die Männer am Mikrofon das verschollen geglaubte Wort „Weltklasse“ aus ihrem Reisekoffer aus, um in der Halbzeitpause im Expertengespräch die ersten Hoffnungen auf den EM-Titelgewinn im nahen Jahr 2020 zu wecken.

Ab der 48. Minute verstummte das Freudengeheul abrupt, denn Matthijs de Ligt hatte das 1:2 geschossen. Und als Memphis Depay nach 63 Minuten der Ausgleich gelungen war, wurden – mein Papagei überspitzt jetzt ein bisschen – „ernste Zweifel daran laut, dass die Löwlinge das Seuchenjahr 2018 jemals würden überwinden können“. Der Neuaufbau werde lange dauern, vielleicht jahrelang. Ob er mit diesem Trainer möglich sei, wurde von Minute zu Minute ungewisser, und die Holländer, die immer schon Weltklasse waren, dies aber nicht zeigen wollten – weshalb sie bei den letzten großen Turnieren gerne gefehlt hatten – wurden zu künftigen Europa- und Weltmeistern erklärt.
Dann schoss Nico Schulz in der 90. Minute das 3:2, ein bisschen wie Helmut Rahn 1954 oder Hans Krankl 1978 – und plötzlich waren unsere Reporter wieder fröhlich und sich so sicher wie nie zuvor, dass Fußball-Deutschland den besten Nachwuchs aller Zeiten hat. Man müsse ihn halt nur spielen lassen...

Unser Kollege war etwas weniger emotional, sondern hat seine Beobachtungen mit flinken Fingern in die Tasten gehackt. Erst dann hat er sich gefreut, ein Soda getrunken, ist spazieren gegangen und hat sich verliebt. In Amsterdam – die Ehefrau muss sich keine Sorgen machen.

Aus: RNZ vom 30. März 2019


Donnerstag, 31. Januar 2019

Vor dem Sechs-Nationen-Turnier im Rugby

Irland ist Titelverteidiger und Favorit

Am 1. Februar2019 um 21 Uhr beginnt das 20. Sechs-Nationen-Turnier der führenden europäischen Rugbyteams, in dem Irland seinen im Vorjahr zum vierten Mal gewonnenen Titel verteidigen möchte. Das Team von Kapitän Rory Best, erneut gecoacht von dem Neuseeländer Joe Schmidt, hat gute Chancen auf den vierten Gesamtsieg, denn die ewigen Konkurrenten England und Frankreich müssen in dieser Saison im Aviva-Stadion von Dublin antreten.
Irland, das 2018 alle fünf Spiele und damit den Grand Slam gewonnen hatte, spielt am Samstag um 18.45 Uhr gegen England, steht in der Weltrangliste auf Platz zwei (91,17 Punkte) hinter Weltmeister Neuseeland (92,54) und möchte im Sechs-Nationen-Turnier den guten Eindruck bestätigen, den die starken Männer von der – im Rugby vereinigten – Grünen Insel im letzten Jahr, unter anderem mit einem 16:9-Sieg über die All Blacks in Dublin, hinterlassen hatten. England ist Vierter im Weltranking. Klar ist, dass der Sieger des Sechs-Nationen-Turniers Mitfavorit auf den Weltmeistertitel sein wird, der vom 20. September bis zum 2. November 2019 mit 20 Nationen in Japan ausgespielt wird. Deutschland ist nicht dabei, da das Team des englischen Trainers Mike Ford nach den vier Qualifikationsrunden 2018 den 21. Platz belegt hatte.

Heute Abend stehen die Franzosen, von Trainer Jacques Brunel wieder einmal neu formiert, im ausverkauften Stade de France an der nördlichen Peripherie von Paris gegen Wales stark unter Druck. Im Vorjahr nach nur zwei Siegen Vierter, sind die Franzosen in der Weltrangliste auf den neunten Platz abgerutscht, nachdem es am 24. November sogar eine 14:21-Heimniederlage gegen Fidschi gegeben hatte. Wales hingegen geht als Vorjahreszweiter ins Turnier, hat einen bärenstarken Sturm und eine pfeilschnelle Dreiviertelreihe. Trainer Warren Gatland, auch ein Neuseeländer, der zu Hause keine Karriere machen konnte und erfolgreich in einer Home Union des Rugbyspiels arbeitet, sieht sein Team so stark, dass die Superkicker Leigh Halfpenny nicht im Kader und Dan Biggar nur auf der Ersatzbank sind. Wales ist Dritter der Weltrangliste (87,24 Punkte).

Am Samstag um 16.15 Uhr ist der Vorjahresdritte Schottland, die Nummer sieben der Weltrangliste (81,84 Punkte), auf seinem Murrayfield in Edinburgh Favorit gegen den sieglosen Vorjahresletzten Italien, das im World Rugby-Ranking auf Platz 15 (72,75 Punkte) zu finden ist.

Die deutsche Nationalmannschaft ist vom Spielniveau der Six Nations zwar noch ein wenig entfernt, bereitet sich aber seit zwei Wochen in Heidelberg intensiv auf die fünf Spiele der Europameisterschaft vor. Am 2. März um 15 Uhr wird das Match gegen Russland, den EM-Zweiten von 2018 und WM-Teilnehmer 2019, im Heidelberger Fritz-Grunebaum-Sportpark stattfinden. Eintrittskarten im Vorverkauf gibt es unter www.adticket.de. Am Montag um 14 Uhr bekommt die deutsche Fünfzehn in ihrem Heimstadion Besuch von „Bill“, dem Rugby-Weltcup. Die goldene Trophäe wird auch von den Talenten der Heidelberger Vereine willkommen geheißen.

Das Sechs-Nationen-Turnier 2019
1. Spieltag, heute, 21 Uhr: Frankreich - Wales (Stade de France, St. Denis);Samstag, 16.15 Uhr: Schottland - Italien (Murrayfield, Edinburgh); 18.45 Uhr:Irland - England (Aviva Stadium, Dublin).
2. Spieltag, Samstag, 9. Februar, 16.15 Uhr: Schottland - Irland; 17.45 Uhr:Italien - Wales (Olympiastadion, Rom); Sonntag, 10. Februar, 17 Uhr: England - Frankreich (Home of Rugby, Twickenham).
3. Spieltag, Samstag, 23. Februar, 15.15 Uhr: Frankreich - Schottland; 18.45 Uhr: Wales - England (Principality Stadium, Cardiff); Sonntag, 16 Uhr: Italien - Irland.
4. Spieltag, Samstag, 9. März, 16.15 Uhr: Schottland - Wales; 18.45 Uhr:England - Italien; Sonntag, 10. März, 17 Uhr: Irland - Frankreich.
5. Spieltag, Samstag, 16. März, 13.30 Uhr: Italien - Frankreich; 16.45 Uhr:Wales - Irland; 19 Uhr: England - Schottland. - Alle Spiele live bei France 2, BBC und ITV.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Zur Handball-Weltmeisterschaft 2019 in Deutschland

Handball ist anders

Obwohl es gegenwärtig ziemlich kalt ist, was der Winter in der guten alten Zeit übrigens häufiger war, habe ich meinen Papagei um einen Rundflug nach Berlin, Köln und Hamburg gebeten, um von oben herab, quasi mit unverstelltem Blick, zu überprüfen, ob es bei der Handball-Weltmeisterschaft wirklich so mitreißend zugeht, wie es die fröhlichen Reporter von ARD und ZDF immer behaupten und Tillmann, unser Mann vor Ort, hartnäckig bestätigt. Mein Papagei, liebe Leserin, lieber Leser und liebes Leserlein, hat also sein Wintergefieder aufgeplustert, ist hurtig losgeflogen und gibt folgenden Lagebericht:

Es seien vor und in den Hallen mehr Zuschauer als Polizisten, was erstaunlich sei, weil wir vom Fußball und insbesondere von den sogenannten Hochrisikospielen ganz anderes gewohnt sind. Wenn beispielsweise der Karlsruher SC gegen die Sportfreunde vom 1. FC Kaiserslautern spielt, sind 22 Spieler und ein Schiedsrichter auf dem Platz, rund 25 000 mehr oder weniger normale Menschen als Zuschauer auf den Rängen und zwei Tausendschaften Ordnungshüter im und vor dem Stadion, die den Verkehr regeln, stundenlang in die Fan-Blocks starren und nach dem Spiel eine ganze Nacht lang mit den „Ultras“ beider Klubs Fangen im Wildpark spielen. Beim Handball sind pro Spiel kaum hundert Beamte engagiert. Sie müssen auch nicht rennen und jagen, sondern stehen aufmerksam herum und gucken ab und zu mal in einen Rucksack. An den Eingängen werden die Zuschauer von Ordnern abgetastet, Männer seltsamer Weise gründlicher als Frauen, obwohl Adam schon im Paradies erfahren musste, dass vom Weibe gar manche Gefahr ausgeht.

Die Zuschauer der Handball-WM seien völlig harmlos, berichtete mein Papagei aus der deutschen Hauptstadt, wo zwar insgesamt viele Fahrzeuge mit Blaulicht unterwegs seien, in denen aber keine Handballer, sondern meistens Politiker führen, die eilig auf dem Weg zum Feierabend-Cocktail in der saudischen Botschaft sind. Dort könne man jeden Abend ein paar Waffen verscherbeln.

In der Mercedes-Benz-Arena aber wird nicht einmal Pyrotechnik gezündet – wohl weil das Handball-Publikum weiß, dass man mit Bengalischen Feuern und bunten Leuchtraketen Mitmenschen gefährdet und keine Spiele gewinnen kann. Diese unbestreitbaren Tatsachen haben sich unter Fußball-Fans noch nicht ganz herumgesprochen.

Zur Freude meines Papageis waren weder in Berlin noch in Köln Spruchbänder zu entdecken, auf denen Dietmar Hopp im Fadenkreuz abgebildet ist. Das ist insofern erstaunlich, dass die Domstadt ja nicht so sehr weit von Dortmund entfernt ist. Außerdem strebt der Kölsche Karneval seinen tollsten Tagen entgegen, an denen auch an und für sich vernünftige Menschen allerlei Unfug umtreibt. Aber nein: Hopp steht nicht im Fadenkreuz der Handball-Anhänger, vielleicht auch deshalb, weil seine Familie so viele löwenhafte Nationalspieler alimentiert, die sich in die Herzen der schwarz-rot-goldenen Fans gekämpft haben.

Am meisten hat meinen Papagei der Gesang der deutschen Spieler beeindruckt, die mit den 19 250 Fans in der Lanxess Arena einen riesigen Chor gebildet und die dritte Strophe von Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ so inbrünstig in die TV-Mikrofone gesungen haben, dass man zu Hause auf der Couch ahnen konnte, welche stärkende und vom Lampenfieber befreiende Wirkung es für Leistungssportler hat, gemeinsam die Nationalhymne zu schmettern. „Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, das ist einfach nur schön“, findet mein Papagei, der einen gewissen Heiner Brand auf der Tribüne beobachtet hat und sah, wie dem letzten Weltmeistertrainer vor Ergriffenheit der Schnorres wackelte.

Aufgespießt in der RNZ vom 26. Januar 2019

Montag, 17. Dezember 2018

Über die Heidelberger Masters-Schwimmer


Die Freude am Wettkampf bleibt

Waren Sie schon einmal bei einem Schwimmfest, bei dem Athleten mit Bärenfellmützen zum Startblock schreiten? Christine Comtesse hat das erlebt, weshalb es nicht verwundert, dass die Athletin des SV Nikar Heidelberg – und mit ihr vier rüstige junge Männer und eine junge Frau – so gut wie keine Gelegenheit auslassen, zu internationalen Schwimmfesten zu reisen, um das zu erleben, dass den Sport abseits von Profitum und Kommerz so reizvoll macht: Spaß am Wettkampf und an der Begegnung mit Sportlern aus aller Welt.

Christine Comtesse, weniger berühmt als Ursel Wirth-Brunner, aber vom Schwimmen genauso begeistert wie Deutschlands „Sportlerin des Jahres 1963“ und Olympia-Medaillengewinnerin 1960 in Rom, hatte mit ihrem Hobby Schwimmen auch begonnen, als man noch bedenkenlos in den Neckar hüpfen und sich als Wasserratte von den Schleppkähnen flussaufwärts transportieren lassen konnte. „1950 bin ich in den SV Nikar eingetreten, und 2017 habe ich bei der Weltmeisterschaft in Sofia fünf Goldmedaillen gewonnen“, erzählt Christine Comtesse, nippt am Wasserglas und fügt mit einem entschuldigenden Schulterzucken hinzu: „2018 bei der Europameisterschaft in Slowenien waren es nur drei Bronzemedaillen.“ Dabei ist es der früheren Pflegepädagogin der Universität Heidelberg, die unzählige gesunde Krankenschwestern ausgebildet hat, eigentlich nicht so wichtig, ob sie bei einem Schwimmfest Medaillen aus dem Becken fischen kann.

„Hauptsache, ich habe Spaß gehabt und viele Eindrücke sammeln können“, betont Christine Comtesse, denn wer eine Reise tut und sich in der Altersklasse 75 der Masters-Schwimmer mit zehn hartnäckigen Konkurrentinnen aus Australien, Japan, Kanada und den USA gemessen hat, möchte seinen beiden Kindern und zwei Enkelkindern auch etwas erzählen: Die russischen Schwimmer mit den Bärenfellmützen hatten großen Eindruck gemacht, und berichtenswert ist es auch, dass Masters-Schwimmer, die als Letzte anschlagen, vom Publikum immer besonders herzlich beklatscht werden.

Die vier jungen Männer, die Christine Comtesse bei ihren Ausflügen begleiten, sind Lars Kalenka (45), Adrian Görler (50), Stephan Klevenz (50) und Marc Vaupel, der in der Altersklasse 55 antritt. Lars Kalenka, 1991 für die TG Heddesheim Deutschlands bester Rückenschwimmer und 2013 für den SV Nikar „Seniorensportler des Jahres“ in Heidelberg, ist in jungen Jahren so gerne international gestartet, dass er das einfach immer weiter macht und 2017 in Budapest mit dem Weltmeistertitel über 400 m Freistil und Silber in seiner Spezialdisziplin 200 m Rücken belohnt wurde. Bei der EM 2018 im slowenischen Kranj gab’s für den Personalberater Gold über 50, 100 und 200 m Rücken sowie über 400 m Freistil, obwohl er seinen Sport „nur noch zum Spaß und längst nicht mehr so zwanghaft wie früher“ ausübt. Dass er bei den Masters-Titelkämpfen immer wieder großen Schwimmern früherer Zeiten wie dem vierfachen Olympiasieger Wladimir Salnikow aus Leningrad begegnet, ist ihm eine große Freude und Leistungsanreiz. Man will schon beweisen: Was der kann, kann ich auch. Und im menschlichen Miteinander der Masters-Schwimmer gilt der Grundsatz: Vor dem Wettkampf sind wir Freunde, im Rennen wird gefightet, bis man blau anläuft, und nach dem Rennen wird geflachst, erzählt und das eine oder andere anregende Getränk verkostet.

Adrian Görler und Stephan Klevenz, als Software-Entwickler Kollegen in Walldorf, blicken ebenfalls auf schöne Erlebnisse zurück. Görler startete in Kranj über 100 m Freistil und belegte den für ihn höchst befriedigenden zehnten Platz, während Klevenz bei der deutschen Freiwasser-Meisterschaft 2017 in Hamburg den fünften Rang eroberte. Im gleichen Jahr schwamm er von Asien nach Europa, denn er nahm mit 2400 Schwimmern am Rennen durch den Bosporus teil und wurde nach 6,5 Kilometern 23. im Gesamtklassement und Sieger seiner Altersklasse 50. „Das Bosporus-Rennen ist das größte Schwimmereignis der Welt, und wie bei vielen Schwimmfesten gab es neben der Medaille ein nützliches Präsent für die Besten: ein Handtuch“, freut sich Stephan Klevenz und trainiert bereits für den nächsten Sommer.

Kaufmann Marc Vaupel ist als Schwimmer viel beschäftigt, denn er genießt ein Zweitstartrecht für den SCW Eschborn. Bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften im November in Gelsenkirchen glänzte er mit zwei deutschen Schmetterlingsrekorden, bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft in Gaualgesheim schwamm er im Januar drei deutsche und zwei europäische Rekorde.

Das Nesthäkchen unter den Nikar-Masters ist Julia Dammann, die in der Altersklasse 25 bis 29 ähnlich erfolgreich ist wie Christine Comtesse – Weltmeisterin 2017 und Europameisterin 2018 über 200 m Brust. Die Rostockerin kam als junges Mädchen an den Olympiastützpunkt Rhein-Neckar, besuchte das Willy-Hellpach-Wirtschaftsgymnasium, entwickelte sich bei Trainerin Uta Brandl zur Topathletin im Brustschwimmen und arbeitet nun als Erzieherin. Die Freude am Schwimmen und am Wettkampf hat sie nie verloren. Wie ihren Masters-Freunden hat ihr eine Sportpause diese Freude nicht genommen.

RNZ vom 15./16. Dezember 2018