Nachwuchsgewinnung
für die Führungsebene ist ein existenzbedrohendes Problem
Seit
2005 arbeiten Wissenschaftler des Deutschen Olympischen Sportbundes,
des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und aus vier
Landessportbünden am Sportentwicklungsbericht für Deutschland, mit
dem allen im organisierten Sport Engagierten Entwicklungen und
Schlussfolgerungen aufgezeigt werden. Der Sportentwicklungsbericht
wird in dreijährigem Rhythmus, sogenannten Wellen, fortgeschrieben,
wobei insbesondere die Situation der Sportvereine analysiert wird.
Die Erkenntnisse daraus können helfen, Vereine zeitgemäß zu leiten
und Fehler bei der Erledigung von Führungsaufgaben zu vermeiden.
Dr.
phil. Florian Dürr (51), stellvertretender Geschäftsführer des
Badischen Sportbundes Nord und Absolvent des Bunsen-Gymnasiums in
Heidelberg-Neuenheim, repräsentiert den Landessportverband
Baden-Württemberg (LSV) seit 15 Jahren im Projektbeirat und hat die
neunte Welle des Sportentwicklungsberichts ausgewertet. Dabei hat
Florian Dürr die aktuellen Defizite und Nöte der Vereine, aber auch
deren Chancen aufgezeigt und die Unterschiede zwischen Vereinen aus
Baden-Württemberg und dem übrigen Deutschland aufgezeigt. Die gute
Nachricht: Den Vereinen im „Ländle“ geht es etwas besser als
anderswo.
Unlängst
vertrat eine oppositionelle Bundespolitikerin die Meinung, das
Sporttreiben in Vereinen sei im Laufe der letzten Jahre so teuer
geworden, dass es sich Normalverdiener kaum noch leisten könnten.
Der jüngste Sportentwicklungsbericht kann als Faktencheck dienen und
beweist das Gegenteil. Die Mitgliedsbeiträge sind nach wie vor
erschwinglich. Kinder zahlen bundesweit 4 Euro, Jugendliche 5 Euro
und Erwachsene 10 Euro – pro Monat wohlgemerkt, womit die Benutzung
von beheizten Klubhäusern und warmen Duschen sowie deren regelmäßige
mühevolle und kostenintensive Reinigung inbegriffen sind. Hier
schneidet Baden-Württemberg mit Mitgliedsbeiträgen von 4,20 Euro,
5,40 Euro und 11,50 Euro geringfügig schlechter ab, was mit den
höheren Einkommen von Berufstätigen im Südwesten zusammenhängen
mag.
Interessant
ist, wie Übungsleitende und Führungskräfte ihre Vereine
einschätzen. 94 Prozent der Befragten stimmen der Aussage „unser
Verein legt Wert auf Gemeinschaft“ zu, 72 Prozent unterstreichen
die Behauptung „unser Verein engagiert sich im Kinder- und
Jugendsport“. 84 Prozent sind der Auffassung, dass „sich unser
Verein als Solidargemeinschaft versteht“, und 84 Prozent sind der
Überzeugung, dass „unser Verein Wert auf demokratische Beteiligung
im Verein legt“. 73 Prozent der Befragten sagt schließlich, dass
„unser Verein Wert auf die Qualifizierung seiner Übungsleitenden,
Trainerinnen und Trainer legt“. Baden-Württemberg darf sich
darüber freuen, dass das Selbstverständnis in zwei Punkten besser
ausfällt. Denn sogar 78 Prozent der Übungsleitenden und
Führungskräfte meinen, dass sich „unser Verein im Kinder- und
Jugendsport engagiert“, während 75 Prozent ihren „Verein in der
Qualifizierung von Übungsleitenden, Trainerinnen und Trainern“
engagiert sehen. Die Rolle des Sportvereins als Schule der Demokratie
wird niemand ernsthaft bezweifeln.
Seit
2015 ist das Bewusstsein in den Vereinen für die Themen Kinderschutz
und Prävention sexualisierter Gewalt gestiegen. 2025 sagten 82
Prozent der Befragten, die Prävention sexualisierter Gewalt sei ein
relevantes Thema für Sportvereine, 73 Prozent sind der Meinung,
„unser Verein setzt sich aktiv gegen sexualisierte Gewalt ein“,
72 Prozent bezeugen, dass „in unserem Verein über sexualisierte
Gewalt und präventive Maßnahmen offen gesprochen wird“, und 76
Prozent sagen aus, dass „unser Verein über fundierte Kenntnisse
zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt verfügt“. Diese Zahlen
weisen allerdings auf einen Nachholbedarf bei einem Teil der Vereine
hin.
Die
wichtigste personelle Ressource der Vereine sind die 1.969.600
Ehrenamtlichen in Deutschland. In Baden-Württemberg sind 287.000
Menschen ehrenamtlich in Sportvereinen tätig, und zwar 77.300 als
Vorstandsmitglieder, 26.300 als Abteilungsvorstände, 22.700 als
Kassenprüfende, 23.500 als Schieds- und Kampfrichtende, 121.900 als
Übungsleitende, Trainerinnen und Trainer und 15.000 Menschen in
sonstigen Positionen. Erfreulich ist, dass sich bundesweit weitere
22,7 Prozent der Mitglieder und in Baden-Württemberg sogar 23,9
Prozent freiwillig für sporadische Aufgaben in Vereinen engagieren.
Von den 287.000 Ehrenamtlichen in baden-württembergischen
Sportvereinen sind rund 102.000 weiblich, 184.000 männlich und 840
divers, wobei bei den männlichen Engagierten seit 2019 ein Rückgang
von 7,6 Prozent Sorgen auslösen muss.
Größere
Sorgen bereitet das Engagement von Jugendlichen und jungen
Erwachsenen in den Führungspositionen der Sportvereine, deren Anteil
seit 2022 um rund 20 Prozent gesunken ist. Die Autoren des
Sportentwicklungsberichts 2025 empfehlen deshalb dringend die Wahl
eines Jugendvertreters im Vorstand, Stimmrecht der Jugendlichen in
der Hauptversammlung, die Wahl einer Jugendvertretung durch die
Jugendlichen und die Bildung eines Jugendausschusses. Außerdem wird
empfohlen, in die Vorstände einen „Kümmerer“ aufzunehmen, der
die einzige Aufgabe haben soll, junge Mitglieder anzusprechen und sie
für die Übungsleiter- und Trainerausbildung oder eine Mitarbeit im
Vereins- und Abteilungsvorstand zu gewinnen. Fehlender Nachwuchs auf
Führungsebene bezeichnen 44 Prozent der Befragten als
„existenzbedrohendes Problem“ ihres Vereins, 2009 waren das nur
31 Prozent.